Fahrradtour Basel -Bömlo

(Terje Melheim)
 
 

Liebe lesende Radfahrer/innen,

ihr wundert euch wohl, wo dieses Bömlo sein mag. Die Antwort kommt später, am Ende des Fahrradberichtes. Erst solltet ihr den Bericht lesen und mit Turid und mir Eindrücke und  Erlebnisse auf unserer Radtour Titisee-Bodensee-Basel-Freiburg-Elsass-Freiburg-Vulkanradweg-Harz-Dänemark-Bömlo teilen. Im Sommer 2007 wollten wir unsere Radtour bei Freiburg im Breisgau machen. Kjartan, unser Sohn studierte dort, weil er für ein Jahr ein Erasmus-Stipendium bekommen hatte. Erst reisten wir mit dem Flugzeug nach Basel, und von dort mit dem Bus nach Freiburg. Unsere Fahrräder hatten wir demontiert und in Planen eingepackt. Ich hatte dabei eine gute Arbeit geleistet, ganz solide, und mit einer Leiste hatte ich die Öffnung zwischen Gabel und Kurbel überbrückt. Der Arm für die Gangschaltung wurde auch abgeschraubt. Aus jedem Fahrrad entstanden zwei Sendungen, eine mit dem Rahmen und eine mit den Rädern. Auf die Weise wurde jedes Gepäckstück  händlicher als in einer Verpackung eines großen Fahrradkartons. In Freiburg übernachteten wir auf dem Fußboden in Kjartans Studentenbude.

Turid und ich verbrachten 20 Tage auf der Radtour. Dazu kommen noch 22 Tage extra nur für mich. Es kann etwas anstrengend werden, den ganzen Bericht an einem Tag zu lesen. Teilt ihn auf, so dass ihr an einem Tag nur einen Teilbericht lest. Aber die Lösung des Rätsels: Was ist Bömlo und wo liegt es, kommt erst im letzten Teilbericht.

1. Lesetag: Radrunde Schwarzwald-Schweiz
2. Lesetag: Radrunde durch das Elsass.
3. Lesetag: Radtour gegen Norden, von Freiburg nach Norwegen.
 
 
 

Radrunde Schwarzwald-Schweiz.

An unserem ersten Tag in Freiburg ging ich mit Elan an die große Arbeit, die Fahrräder auszupacken und zusammenzuschrauben. Dabei erlebte ich, dass mein Hinterrad den Transport nicht so gut überstanden hatte. Das Rad berührte den Rahmen, weil eine Speiche gebrochen war. Die gebrochene Speiche wurde sofort ersetzt. Dann konnten wir in die Stadt radeln und uns die gemütliche Großstadt im Breisgau ansehen. Das Zentrum ist eine große Fußgängerzone, wo das Fahrradverbot sehr streng beachtet wird, auf jeden Fall von den Verkehrspolizisten, die wir bei ihrer Arbeit beobachten konnten. Radfahrer wurden angehalten und mit einer Geldbuße bestraft. Durch das Zentrum fahren die Straßenbahnen, und Radfahrer sollten die Straßenbahnen nicht behindern. Dazu fließt im Straßenpflaster ein offenes Bächlein. Wenn man unversehentlich mit dem Fahrrad in die Bachrinne geraten sollte, kann es gefährlich sein.

Zu Fuß, unsere Fahrräder schiebend, kamen wir zu einer großen Buchhandlung. Wir brauchten vor allem eine Fahrradkarte, und unter Fahrradkarte versteht man kein Ticket für die Bahn sondern eine Landkarte, wo die Wege und Straßen eingezeichnet sind, die für das Fahrradfahren gut geeignet sind. Ich hatte gehofft, dass ich Fahrradkarten von dem ADFC finden würde. So was fand ich dort nicht, dafür gab es Fahrradlandkarten, die von dem ADAC herausgegeben waren. Ich war sofort skeptisch: "Kann ein Klub der Straßenimperialisten wirklich Fahrradkarten machen?" Weil ich in der Buchhandlung keine alternative Karte fand, kaufte ich die Karte unserer Straßengegner. Noch ein Vorteil war, dass die Karte den ganzen Schwarzwald und dazu Teile der Schweiz und Frankreichs deckte. Von Nachteil war, dass die Karte weniger detailliert war, und vielleicht auch ungenau, weil sie von Automobilisten gemacht war.

Dann sahen wir uns die Stadt an. Das Münster musste natürlich gemustert werden, dessen Turm leider eingerüstet war, aber daraus entsteht etwas Besseres. Auf dem Platz zwischen Münster und Rathaus waren Partyzelte und eine Bühne aufgestellt, wo an diesem Tag ein Weinfest eröffnet wurde. Der Breisgauer Weißwein wurde gelobt, die Weinkönigin wurde vorgestellt und es wurden auch Weinproben ausgeschenkt. Die edlen Tropfen gaben uns schon eine Vorfreude auf die süddeutsche Gegend, die wir durchradeln würden. Erst gegen Abend konnten wir uns mit Kjartan treffen, denn er musste den ganzen Tag über etwas fürs Examen lesen.

Von Freiburg wollten wir Richtung Schweiz und Schaffhausen fahren. Zu Hause hatte ich ein Fahrradbuch gelesen, das Radfahrern empfahl, mit der Schauinslandbahn, einer Schwebebahn zu fahren. Das war für uns nicht so gut, denn dann müssten wir über Todtnau fahren, und dann hätten wir zusätzliche Steigungen bekommen. Die richtige Verbindung für uns wäre das Höllental, aber da führt nur eine Hauptstraße mit viel Verkehr durch. Für uns gab es dann nur eine einleuchtende Möglichkeit: Wir würden mit der Höllentalbahn bis Titisee fahren, und so wurde der eigentliche Startpunkt unserer Radtour Titisee im Schwarzwald. In leichtem Regen erreichten wir einen Scheitelpunkt südlich des Titisee. Durch Lenzkirch und Holzschlag radelten wir flott bergab. Plötzlich entdeckten wir neben der Straße einen schön asphaltierten Radweg. Es musste sich um eine alte Eisenbahnlinie handeln. Bald sahen wir ein Hinweisschild mit einer Landkarte, und wir verstanden gleich, dass wir auf dem Bähnle unseren nächsten Ort (Bonndorf ) erreichen würden. Dieser Radweg war auf der ADAC-Karte überhaupt nicht eingezeichnet. Am Bahnhof Gündelwangen fuhren wir vorbei. Die Bausubstanz des Bahnhofs schien intakt, aber die Gleise fehlten. Die Fläche hatte jetzt der Radweg übernommen.  Leider wurde bald der Radweg nicht auf dem Planum der Eisenbahn weitergeführt, und wir wurden auf parallelgehende Forststraßen geleitet. Die Streckenführung war dort nicht so günstig, wie sie auf der  Eisenbahntrasse wäre. Immerhin sagte Turid: "Es ist so schön und friedvoll auf diesen Wegen ohne Autoverkehr".
 
 

Bahnhof Gündelwangen

Kurz vor Bonndorf kamen wir wieder auf Autostraßen. In der Zeit vor der deutschen Wiedervereinigung wurde die westdeutsche Hauptstadt etwas ironisch das Dorf Bonn genannt. Hier im Schwarzwald tauchte also ein Bonn auf, das  keinen Hehl daraus macht, dass es ein Dorf ist. Es stellte sich bald heraus, dass es sich eigentlich um einen größeren Ort handelte und kein Dorf. Es gab dort sogar eine Edeka-Einkaufshalle und einen Schleckermarkt, wo ich Brennspiritus für unseren Campingkocher kaufte. Mit Streichhölzern war es schwieriger, denn nur Zehnerpackungen wurden verkauft, und das wäre zu viel für unser Gepäck. Dafür musste ich ein Feuerzeug kaufen, nicht nur eins sondern zwei, denn in modernem deutschem Verkaufsverfahren werden nur Packungen mit je zwei Feuerzeugen verkauft. Jedesmal beim Anzünden unseres Campingkochers verbrannte ich mir die Finger wegen des dummen Feuerzeugs.

Von Bonndorf nach Ewattingen konnten wir uns auf die Auskünfte auf der ADAC-Karte verlassen. Wir radelten auf Landwirtschaftswegen dorthin. Der Campingplatz war laut ADAC-Karte nicht von ADAC geprüft. Wir Radler aber können ihn bestens empfehlen. Bei Ewattingen liegt die Wutachschlucht, und wir radelten am nächsten Morgen durch das Tal, das eine Verlängerung der Wutachschlucht gegen Osten ist,  und im Gegensatz zu der eigentlichen Wutachschlucht gibt es dort, wo wir radelten, eine Straße. Bald begann die Straße aus dem Tal zu steigen. Wir kamen zu zwei Bahnübergängen. Wir stellten fest, dass es sich jedes Mal um dieselbe Eisenbahnlinie handelte. Es war die so genannte Sauschwänzlebahn, die in großen Bögen die Schwarzwaldlandschaft erklimmt. Vor dem ersten Weltkrieg baute Deutschland diese strategische Bahn, um Schweizer Territorium zu umfahren. Heute werden auf der eindrucksvollen und kurvenreichen Bahn mit vielen Brücken nur Touristikfahrten durchgeführt, und das sogar mit Dampf.
 
 

Bei Fützen überquerten wir die Sauschwänzlebahn bzw. Wutachtalbahn noch einmal, und bald waren wir an der Grenze zur Schweiz. Ein Schild warnte, dass der unbediente Grenzübergang nur für Grenzbewohner, Fußgänger und Radfahrer offen war, also konnten wir auf unseren Rädern die grüne Grenze ohne Weiteres überschreiten. Einen Berg mussten wir noch erklimmen, bevor wir durch das Hemmentalertal in die Stadt Schaffhausen sausen konnten. Durch die Fußgängerzone schoben wir die Fahrräder und sahen uns das Schweizer Milieu an. Nicht unerwartet war es, dass an einem Brunnen eine Statue von Wilhelm Tell aufgestellt war. Schaffhausen ist der Wohnort von Karl Brodowsky, den wir aus dem Internet kennen. Die Brüder Grimm sammelten Volksmärchen. Karl Brodowsky sammelt Geschichten vom Fahrradvolk. Bei der Familie Brodowsky waren wir schon eingeladen. Karl war an dem Tag nicht zu Hause, aber wir trafen da seine Frau, Karin. Die Brodowskys sind eifrige Radfahrer, und am Abend schwätzten wir viel über das Radfahren sowohl auf Touren als auch im Alltagsverkehr.
 
 

Wilhelm Tell in Schaffhausen

Unser nächstes Radziel war der Bodensee. Am nächsten Morgen begleitete uns Karin auf der Rhein-Route Nr. 2, die von Schaffhausen ostwärts nördlich des Rheins geht. Plötzlich sahen wir an den gelben Ortsschildern und an den Straßennamen mit ß anstatt schweizerisch ss, dass wir in Deutschland waren. Es handelt sich um den deutschen Ort Büsingen, eine deutsche Exklave, von Schweizer Territorium ganz umschlossen. Hinter Büsingen befanden wir uns wieder auf Schweizer Boden. Hier nördlich des Rheins löste sich schweizerisches und deutsches Territorium mehrmals ab. Fünfmal überquerten wir an dem Tag die Grenze. Nachträglich sind wir nicht sicher, ob das große Sonnenblumenfeld, das wir an dem Tag passierten, in Deutschland oder in der Schweiz lag. Die schöne Kleinstadt Stein am Rhein befindet sich auf jeden Fall in der Schweiz. Durch ein Tor kamen wir in das alte Stadtzentrum. Turid entdeckte im Schaufenster eines kleinen Ladens etwas Schönes, was sie sich gern kaufen möchte, aber sie tat es diesmal nicht.
 
 

Sonnenblumen

Bei unserer Weiterfahrt am Ufer des Bodensees radelten wir auf  Landwirtschaftswegen, die als Radwege benutzt wurden. Sie waren immer gut markiert. Leider begann es zu regnen, und es wurde etwas ungemütlich. In Radolfzell, auf einem Radweg kamen wir auseinander. Ich radelte vorne, und als ich mich umdrehte, war Turid nicht mehr da. Dass wir uns unterwegs verlieren, kommt manchmal vor, denn unsere Radgeschwindigkeit ist so unterschiedlich. Schon vor unserer Abreise wollte Turid etwas dagegen tun, und zu meinem Geburtstag hatte sie mir ein Handy geschenkt. Jetzt in Radolfzell kam die erste SMS-Meldung. Turid hatte geschrieben: "Wo bist du? Ich bin in einem Wald. Ich habe das Eisenbahngleis rechts von mir." Von der Meldung dachte ich, dass sie dann das Gleis gekreuzt hatte. Ich wartete dann an der Eisenbahnunterführung und schrieb: "Komm zurück". Als sie zurückkam, kam sie aber von der anderen Seite der Eisenbahnlinie. "Du hast geschrieben, dass du das Gleis rechts hattest", sagte ich. "Ja, ich hatte mich gedreht, als ich die Meldung schrieb", antwortete sie. Jedenfalls hatte der Vorfall bewiesen, wie nützlich ein Handy für uns Radfahrer ohne Tandem sein kann.

Wir folgten der Beschreibung und den Karten in "Bike Line" "Bodensee Radweg" Der Nachteil bei diesen detaillierten und aufgeteilten Radwanderkarten ist, dass die Totalübersicht fehlt. Von Radolfzell radelten wir Richtung Konstanz. Als wir uns am Abend in unserem Zelt auf dem Campingplatz bei Allensbach ausruhten, sah ich ein, dass die Fahrt am Ufer über Konstanz ein Umweg war, und weil wir auf dem Rückweg so wie so durch Konstanz kommen würden, schlug ich vor, eine Abkürzung zu machen, um direkt nach Ludwigshafen zu radeln. Turid war einverstanden, aber auf dieser Abkürzung bekamen wir einige Steigungen. Schlimmer war es, dass es zu regnen begann, nicht nur wenig, sondern ganz stark. Wegen des Wetters sahen wir nicht so viel von Ludwigshafen und auch nicht so viel von Sipplingen. In Überlingen suchten wir Zuflucht vor dem Regen und setzten uns in ein Lokal, wo wir zu Mittag essen konnten. Als wir wieder rauskamen, war der Regen fast vorüber, und wir konnten uns die Gassen, Fachwerkhäuser und das Münster von Überlingen ansehen.
 
 

Überlingen Überlingen

Eine ganze Bodenseeumrundung wollten wir nicht machen. Wir hatten vor, bis Friedrichshafen zu radeln und dort die Fähre nach Romanshorn zu nehmen. Wegen des schlechten Wetters und weil wir uns Zeit an den rekonstruierten Pfahlhäusern der Stein- und Bronzezeit in Unteruhldingen nahmen, kamen wir nur bis Meersburg, wo wir eine Fähre nach Staad bei Konstanz nahmen. In Konstanz sahen wir uns ein Kunstmuseum so wie das eindrucksvolle Münster an. Am interessantesten fand ich das Jan Hus-Museum. Der böhmische Kirchenreformator wurde 1415 in Konstanz verbrannt. Seine Kirchenlehre wurde in Böhmen durch die Gegenreformation beiseitigt, aber es ist Jan Hus zu verdanken, dass es heute noch in Böhmen eine slawische Sprache gibt. In Konstanz ist die Grenze zur Schweiz mit künstlerischen eisernen Konstruktionen markiert. Auf der deutschen Seite sahen wir uns die Arbeiten an, und als wir sie von der anderen Seite studieren wollten, waren wir plötzlich in der Schweiz. Dann fuhren wir einfach weiter. So kamen wir über die Grenze, ohne von Zollbeamten beglotzt oder kontrolliert zu werden. In der Schweiz radelten wir wieder gegen Westen, immer auf gut markierten Radwegen. Die Bucht vom Bodensee, wo wir entlangradelten heißt Untersee. Besonders schön fanden wir die Orte mit bunten Fachwerkhäusern und schönen Blumen.
 
 

Münster in Konstanz Kunst auf der deutsch-schweizerischen Grenze

Nach dem Untersee wollten wir am Südufer des Rheins bleiben, aber der Radweg mit seinen Schildern führte uns über den Rhein,  nach Stein am Rhein. Turid bat mich auf die Fahrräder aufzupassen, und dann verschwand sie in einem Laden. Sie blieb lange weg. Als sie zurückkam, war es, um mich um Schweizer Franken zu bitten. Dann war sie wieder weg. Es dauerte noch eine Weile, bis sie wieder da war. Sie hatte sich eine schöne Halskette mit schwarzen und roten Lavasteinen gekauft. Ihren Wunsch vom ersten Mal in Stein am Rhein hatte sie jetzt erfüllt. Ihre Kette besteht nicht aus Stein am Rhein sondern aus Stein vom Vulkan. Für unsere Weiterfahrt wollten wir nicht auf der Seite des Rheins radeln, wo Stein am Rhein liegt, denn dort waren wir schon auf dem Hinweg von Schaffhausen  geradelt. So schnell wie möglich fanden wir eine Brücke und landeten auf der Südseite des Rheins. Diesmal blieben wir für die ganze Fahrt bis Schaffhausen in der Schweiz und wir brauchten nicht den ständigen Nationalitätswechsel. Unterwegs kamen wir an diesem schönen blumenbeschmückten Gehöft vorbei:
 
 


 

Diesmal war in Schaffhausen auch Karl Brodowsky zu Hause. Am Abend unterhielten wir uns über Radtouren. Unsere Radtour Richtung Basel wurde geplant, und wir konnten Karin und Karl einige Tipps für ihre baldige Radtour in Norwegen  geben, die sie mit ihren vier Kindern machen würden. Am nächsten Morgen sah ich, dass während der Nacht an meinem Rad eine Speiche gebrochen war, und das Hinterrad war wie eine Acht. In Schaffhausen hatte Karl einen festen Fahrradfachmann. Karl rief ihn an und erklärte die Lage. Der Fahrradhändler wollte mir gern helfen. Wieder schoben wir unsere Fahrräder durch die Fußgängerzone von Schaffhausen, nicht weil da Fahrradverbot war, sondern weil mein Hinterrad ständig den Rahmen berührte. Der Fahrradfachmann sah sofort, was an meinem Rad los war; die Felge meines Hinterrades war zu schwach für mein Gepäck. Er bot an, die Felge durch eine stabilere Hohlkammerfelge zu ersetzen. Er verstand, dass wir auf Radtour waren, und ohne Wartezeit ging er auf mein Hinterrad los, kappte die alten Speichen und baute um meine alte Nabe ein neues Rad auf. Es war ein Vergnügen zuzusehen, wie flink er mit dem Umspeichen arbeitete. Er sagte, er habe eine Vergangenheit als Techniker in der schweizerischen Nationalmannschaft beim Radrennen, Ich erzählte ihm, dass ich auch voriges Jahr Probleme mit meinem Hinterrad habe. Auf einem Campingplatz an einer öden Stelle an der norwegischen Küste, konnte mir ein Mann mit der Stabilisierung des Hinterrades helfen. Es zeigte sich, dass er zum technischen Stab der norwegischen Nationalmannschaft beim Radrennen gehörte. Während der Schweizer mit meinem Hinterrad beschäftigt war, schwätzten wir über alles und hatten eine schöne Zeit in seiner Werkstatt, aber das verlangsamte überhaupt nicht seine Arbeit. Hinterher war ich sehr glücklich, ich wusste, dass jetzt meine ständigen Probleme mit dem Hinterrad zu Ende waren. Nachträglich kann ich sagen, dass das auch gestimmt hat. Das Rad hielt sich auf der ganzen Radtour stabil, und keine Speichen sind gebrochen.

Turid und ich konnten unsere Radtour fortsetzen. Bei Schaffhausen gibt es den berühmten Rheinfall, wo große Wassermengen sich über einen Felsenrand stürzen. Ich fuhr als Erster zum Rhein hinunter, aber ich bog unversehentlich vom richtigen Weg ab. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Turid mir nicht folgte. Sie hatte mich nicht gesehen, aber sie nahm den richtigen Weg. Ich wendete und fuhr ihr nach. Als ich sie am Rhein einholte, fummelte sie schon an ihrem Handy. Am mächtigen Rheinfall machte Turid ein Foto von mir und dem Fahrrad mit neuer Felge. Von hinter der Kamera rief sie mir zu: "Mach keinen Reinfall in den Rheinfall, das ist gefährlich!"
 

Rheinfall bei Schaffhausen

In diesem Gebiet ist der Rhein-Radweg immer gut markiert. Ergänzend gab uns die ADAC-Karte eine gute Übersicht. Beim Rheinfall befanden wir uns an der Nordseite des Rheins, an der Seite, wo deutsches und schweizerisches Territorium sich ständig ablöst. Wir folgten dem Radweg zum nächsten Ort, Jestetten, aber der lag in Deutschland. Irgendwo im Wald vor Jestetten hatten wir die unsichtbare Nationalitätsgrenze überschritten. Die Weiterfahrt ging  durch Jestetten und Lottstetten, und plötzlich waren wir wieder in der Schweiz. In dem Schweizer Ort Rafz machten wir eine Esspause. Während wir uns Brote schnitten und heißen Tee brühten, klingelte Turids Handy. Obwohl wir auf Radtour sind und uns mit einfachen Mitteln fortbewegen, abgeschlossen von der Welt sind wir nicht mehr. Es war Karl, der von seinem Kunden in Bern anrief. Er wollte wissen, wie es mit der Fahrradreparatur gegangen war. Wir konnten seinen Fahrradfachmann nur loben. Es war nett von Karl, dass er an uns gedacht hatte und wissen wollte, wie es gegangen war. Die Radleser/innen dieser Geschichte wird es nicht überraschen, wenn ich schreibe, dass wir kurz hinter Rafz wieder nach Deutschland kamen. Wir blieben in Deutschland, bis wir an Kaiserstuhl den Rhein überqueren konnten und wieder in die Schweiz gelangten. Wir hatten nun vor, in der Schweiz zu bleiben, aber den Campingplatz für die Übernachtung fanden wir bei Waldshut, also an der Nordseite des Rheins und in Deutschland.

Am nächsten Morgen, auf dem Weg über den Rhein zurück begegnete ich einem eifrigen Zollbeamten, der verlangte, meinen Pass zu kontrollieren. Es war das einzige Mal, dass wir an unseren vielen Grenzübergängen kontrolliert wurden. Vielleicht war der Zollbeamte ängstlich, arbeitslos zu werden, weil es nicht mehr genug Arbeit für ihn da war. Vor Basel, in Rheinfelden wechselten wir noch einmal die Rheinseite und kamen wieder nach Deutschland, weil auf der ADAC-Karte in der Schweiz vor Basel kein Radweg eingezeichnet war. Als wir in Basel ankamen und wieder in der Schweiz waren, mussten wir noch einmal eine internationale Grenze überqueren, weil der Campingplatz bei Basel in Frankreich lag. Hunigue in Frankreich war wie ein Vorort von Basel. Die Häuserreihe erstreckte sich ununterbrochen über die Grenze. Ich dachte, dass hier so nahe an der deutschsprechenden Großstadt, alle Deutsch sprechen würden. Als wir nach dem Weg zum Campingplatz fragten, mussten wir bald einsehen, dass die meisten Leute kein Deutsch verstanden, und wir mussten uns umstellen. Der Campingplatz lag fast direkt neben einer neuen Radfahrer- und Fußgängerbrücke, die den Rhein nach Deutschland überquerte.
 
 

In Basel hatten wir ein einziges Ziel. Wir wollten eine Ausstellung mit Bildern von dem Maler Edvard Munch besuchen. Zur Zeit befand sich in Fondation Beyeler in Riehen, einem Vorort von Basel, eine große Munchausstellung. Riehen liegt auf Schweizer Territorium, und das hieß am nächsten Morgen wieder über die Grenze in die Schweiz. In Basel waren wir so dumm, dass wir erst eine andere Kunstausstellung besuchten, bevor wir  anschließend nach Riehen radelten. Wir wussten schon, dass in der Munchausstellung  um 15 Uhr eine Führung stattfinden würde. Die Führung machten wir mit, und sie war sehr aufschlussreich und gab uns interessantes Wissen über Edward Munch und seine Bilder. Zwei Ausstellungen an einem Tag, das wurde uns schließlich zu viel. Nach der Führung konnten wir nicht mehr, wir waren so hungrig. Auf der Suche nach einer guten Mahlzeit endeten wir kurz vor dem Rhein, wo am rechten Rheinufer ein Weg als Radweg markiert war. An dem Weg gab es viele gemütliche Restaurants. Der Weg führte bequem und kreuzungsfrei unter den Rheinbrücken. Wir hielten uns an den Radweg, bald waren wir über die Grenze nach Deutschland, und an der ersten Kreuzung links hatten wir die vertraute Fahrrad- und Fußgängerbrücke über den Rhein, und da in Frankreich lag auch unser Campingplatz von der vorigen Nacht. Anhand der ADAC-Karte zählte ich, wie viele Male wir auf unserer Tour die deutsch-schweizerische Grenze passiert hatten: 15 Mal.

Am nächsten Morgen besprachen wir, wie wir nach Freiburg radeln sollten, durch Frankreich oder durch Deutschland. In Frankreich hatten wir gesehen, dass die Radwege oft nur ein grün gefärbter Streifen am Straßenrand sind. In Deutschland sind die Radwege öfter vom übrigen Verkehr getrennt. Das entscheidende Argument für Deutschland fanden wir, als wir hörten, dass wir heute den 14. Juli hatten, und an dem französischen Nationalfeiertag waren in Frankreich alle Geschäfte geschlossen. Erst radelten wir über die Radfahrer- und Fußgängerbrücke, und am Brückenkopf am deutschen Ufer gab es eine Einkaufshalle, aber wegen des Feiertags in Frankreich war halb Frankreich auf den Beinen über die Brücke. Vor der Einkaufshalle war kein Einkaufswagen mehr frei. Wir konnten uns gut vorstellen, wie drinnen die Warteschlangen vor den Kassen waren. Wir fuhren weiter, und in Deutschland gab es ja an diesem Tag mehr Einkaufsmöglichkeiten.

Rechts des Rheins führten uns die Radwege zum Teil in die Weinberge, wo uns die Radwege herrliche Ausblicke auf die Rheinebene und die Vogesen in Frankreich bescherten, und zum Teil an Hauptstraßen, wo die Radfahrt etwas langweilig war, aber die Radwege waren  immer vom übrigen Verkehr getrennt. Hinter Bad Krozingen verließ der Radweg die Bundesstraße 3. Der Radweg führte uns über Ehrenkirchen und Ebringen. Teilweise war das eine echte Kletterstrecke, aber der Blick auf die Rebenfelder und die Dörfer war einfach schön. Der Radweg war immer einwandfrei markiert. Problemlos fanden wir den Weg ohne ADAC-Karte. Probleme bereitete uns an dem Tag die Hitze. Es war einer der Tage mit 30 Grad.
 

Weinberge bei Freiburg Weinberge bei Freiburg

In Freiburg mussten wir durch das Zentrum, und wie ich früher geschrieben habe, gab es da eine Fußgängerzone, durch die nur die Straßenbahn fuhr. Weil die Fußgängerzone durch das Zentrum von Freiburg so lang ist, fuhr ich einfach in der Fußgängerzone los. Plötzlich erklang laut hinter mir eine Straßenbahn. Ich wich einfach vom Gleis aus, aber da musste ich auf Turid warten. Aus der Straßenbahn stieg eine ältere Frau, die auf mich zuging. Sie wollte mir etwas sagen, aber sie war beherrscht und klang nicht böse. Sie schimpfte auf eine höfliche Art. "Der Straßenbahnfahrer hat auf Sie furchtbar geschimpft." Ich: "Das hätte ich gern gehört, denn ich möchte gern hören, wie man auf Badisch schimpft." Sie: "Die Straßenbahnfahrer haben einen stressigen Job, bei denen gehen in der Fußgängerzone die Nerven kaputt. Sie können sich nicht denken, wie verrückt die Studenten hier Rad fahren. Und dass Sie, ein älterer Herr auch so fahren!"  Nachher schoben Turid und ich sehr ordnungsgemäss unsere Räder durch die Fußgängerzone. In dem Studentenheim in Zähringen trafen wir uns wieder mit Kjartan. "Seid ihr schon wieder da?" "Ja aber jetzt werden wir nur übernachten, morgen früh fahren wir ins Elsass und nach Frankreich".
 

Herzliche Grüße Terje, der den Radbericht  geschrieben hat.

PS. Meine Mitradlerin Turid, die die Radmotive auf die Bilder gebracht hat, lässt auch grüßen
 

Hier geht es zum 2. Lesetag weiter:
Radrunde durch das Elsass.
 
 
 

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