RADTOUR BERLIN-BÖHMEN (2001)
(Terje Melheim)
 

Den ersten Teil mit den Kapiteln 1-4 finden Sie  hier

Wenn Sie den Bericht auf Norwegisch lesen möchten, klicken Sie hier
 
 
 



Fünftes Kapitel,
in dem von einem Regentag berichtet wird, der nicht so schlimm wird, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir kommen ins Erzgebirge, wo uns harte Steigungen zu schaffen machen. Unterhalb eines eindrucksvollen Eisenbahnviaduktes treffen wir uns mit Gerald. Wir befinden uns jetzt im richtigen Sachsen, und das Sachsenwappen sehen Sie rechts. Die Farben des Radberichtes passen sich der Heraldik an.


Auf unserer Fahrt das Kirnitzschtal hinunter war das Wetter nicht so schön gewesen. Könnten wir für die folgenden Tage mit besserem Wetter rechnen? In einer Gaststätte sahen wir uns den Wetterbericht an, und die Fernsehleute rieten den Leuten dazu, Deutschland zu räumen und sich in den Süden abzusetzen. Die beiden folgenden Tage sollten so schlimm werden, dass wir sie einfach vergessen sollten. Warum sollten wir das? Jeder Tag brachte neue Erlebnisse, aber unsere Gemüter befanden sich auf einem Tiefpunkt, als wir den Elberadweg erreichten, und es goss wie aus Eimern, aber nüchtern gesehen war das Wetter leichter als richtiges Regenwetter, das wir aus Westnorwegen kennen. Trotz des Wetters bot der Elberadweg ein schönes Erlebnis. Auf dem Weg verkehren keine Autos. Die Oberfläche ist ausgezeichnet, entweder mit Asphalt, Betonsteinen oder mit stabilem Schotter versehen. Nach dem Donauradweg ist der Elberadweg der bekannteste Radweg in Deutschland. An dem Weg ist die Markierung immer einwandfrei mit eindeutigen Schildern, und wir wussten immer, wo der Weg entlangging. Andere Schilder gaben Hinweise zu Gaststätten, Pensionen und Hotels an. Es gefiel mir, dass wir Radfahrer so eine wichtige Kundengruppe geworden sind, dass wir wirtschaftlich interessant wirken. Die Elbe hat sich tief in das umliegende Sandsteingebiet gegraben, und an dem Fluss gibt es steile Felsen. Die Sächsische Schweiz wird dieses Gebiet touristisch genannt. Vom Elberadweg konnten wir Sehenswürdigkeiten oben auf den Felsen sehen, so wie die Festung Königstein und die Bastei. Es war eine Sauerei, dass das Wetter so schlecht war, und dieses Wetter sollte also zwei Tage andauern.

In der Stadt Pirna hörte der Regen auf, und wir konnten erleichtert aufatmen. Wir wollten nicht in die Großstadt Dresden radeln, wo wir schon früher einmal gewesen sind. Vor der Stadt bogen wir westwärts vom Elberadweg ab. Wir beabsichtigten, dem Lockwitztal zu folgen, aber in jenem Tal war der Verkehr groß. Deshalb nahmen wir eine Nebenstraße, die einige harte Steigungen aufwies, aber der Verkehr war da erträglicher. Nach rechts hatten wir einen schönen Ausblick über Dresden. Wir radelten weiter, bis wir an dem Stausee Malter einen Campingplatz erreichten. 

Am nächsten Morgen wachten wir zu strahlendem Sonnenwetter auf. Ich verstand, dass man sich durch die Krisenstimmung nicht beeinflussen sollte, die das RTL vermittelt. Am Malter Stausee verkehrt eine schöne Eisenbahnlinie, noch eine Schmalspurbahn mit täglichem Dampfbetrieb. Um das Jahr 1900 entschied sich Sachsen, in dem schwierigen erzgebirgischen Gelände schmalspurige Nebenbahnen anzulegen. Solche Bahnen konnten preisgünstiger gebaut werden. Die Weißeritztalbahn,  wie die Bahn am Malter Stausee heißt, gibt es heute noch auf einer Spurweite von 75 cm und mit Dampfloks. (Die Bahn fiel den Überschwemmungen 2002 zum Opfer) Die Bahn ist auch eine Vorortbahn von Dresden. Im engen Tal der Weißeritz gibt es neben dem Gleis kaum noch Platz für einen Wanderweg. Ich radelte auf dem Wanderweg bis Rabenauer Grund, um in der spannenden Landschaft den Zug auf den Film zu bannen. Turid wollte lieber den Zug von innen erleben. In Rabenauer Grund trafen wir uns und tranken unseren täglichen Radler, bevor wir zum Campingplatz zurückfuhren.

Jetzt waren wir ins Erzgebirge gekommen. Das ist ein Gebirge mit vielen Bergwerken, vielen Burgen, schmalspurigen Dampfbahnen und Spielfiguren aus Holz. Die steilen Steigungen waren das größte Problem, das uns unterwegs begegnete. Alle Flüsse rinnen den Gebirgshang hinunter, nach dem Norden, und unterwegs Richtung Westen mussten wir viele Flusstäler überqueren. In die Täler hinunter ging die Fahrt sehr flott, aber das Erklimmen auf der anderen Talseite war eine Qual. Da sahen wir die Sachsenmagistrale mit Eifersucht an. Die Sachsenmagistrale ist die Bahnlinie zwischen Chemnitz und Dresden. Diese Bahn überqueren die Täler in einem Sprung auf eleganten Bogenviadukten.

Schließlich standen wir auf der letzten Anhöhe, und wir konnten einfach auf unseren Rädern ins Lössnitztal hinabrollen, und von dem Tal brauchten wir nicht wieder emporzuklettern. Auf der Straße an der Lössnitz kamen wir an einer Fabrik vorbei, die typische erzgebirgische Spiel- und Ziergegenstände aus Holz herstellt. Vor der Fabrik stand ein Räuchermännchen in großem Format. Was ein Räuchermännchen ist, wissen bestimmt alle deutschen Leser.

Weiter im Lössnitztal ging unsere Radfahrt. Solche Flusstäler sind günstige Radtrassen. Die Straße folgt dem Fluss und hat keine steilen Steigungen. Die Straße weist viele Kurven auf, so dass der Verkehr gering ist. Dazu noch ein Faktor, der im Sommer wichtig ist; an dem Fluss gibt es dichten Wald, was zum viel Schatten führt. Vom Lössnitztal kamen wir ins Flöhatal. In der Nähe des Ortes Hetzdorf führte früher die Sachsenmagistrale über einen eindrucksvollen Viadukt. Vor der Wende wurde mit dem Bau einer funktionellen und uninteressanten Betonbrücke begonnen. Diese Betonbrücke hat heutzutage den Bahnverkehr übernommen. Unterhalb des alten Hetzdorfer Viaduktes mit seinen eleganten Bögen kam uns Gerald Hummel auf seinem Rad entgegen. Es war ein herzliches Wiedersehen, und zu diesem Anlass hatte sich Gerald richtig ausgerüstet. Er hatte Sekt mit, mit dem viel geprostet wurde.
 



Gerald Hummel
lernte ich auf einer Radtour 1971 kennen. Im Internetbericht Sassnitz-Schwerin - Radtour mit Rückblicken  (1996)  können Sie davon lesen: 

 Geralds Radberichte im Internet.
 

 


 



Im Regen auf dem Elberadweg. 
Im Hintergrund "die Bastei"

Weißeritzbahn im Rabenauer Grund

Die letzte Anhöhe bevor wir ins Lössnitztal 
hinabrollen.

"Räuchermännchen" in Riesengröße.

 
 
 


Im sechsten Kapitel
 führt uns Gerald auf Radtouren rund um Chemnitz.. Es stellt sich heraus, dass ein Berg kein echter Berg ist. In 30 ° Wärme radeln Turid und ich Richtung Berlin. Wir kommen zu der Stadt Schildau, wo die Schildbürger wohnen. Es wird gesagt, dass sie in Säcken das Licht ins Rathaus tragen mussten, weil sie vergessen hatten, Fenster einzubauen. Wir erreichen die Elbe, wo der Elberadweg wiedergefunden wird.



Von dem Hetzdorferviadukt führte uns  Gerald auf Nebenstraßen und Radwege, die ich allein nie hätte finden können. Dann standen wir vor dem neuen und modernen Haus in Niederwiesa, wo Gerald und Uschi gerade eingezogen waren. Gerald hatte bei der Wende ein so hohes Alter erreicht, dass er arbeitslos wurde. Als ABM bekam er eine interessante Aufgabe; er sollte verschiedene Radtouren rund um Chemnitz vorschlagen und ausforschen. Eine solche Maßnahme muss im Zusammenhang mit dem Fördern des Tourismus gesehen werden. An den folgenden Tagen machten wir in der Umgebung von Chemnitz verschiedene Radtouren. Gerald war der Anführer und er führte uns auf Wege ohne Verkehr, durch Wälder und über Wiesen. Mit Gerald an der Spitze  waren wir immer sicher, dass wir durchkommen würden. Ohne Gepäck auf dem Fahrrad ließ es sich auf solchen Wegen auch ungewohnt leicht radeln. Das Radziel war entweder ein Aussichtspunkt oder ein Schloss. Von einem Aussichtspunkt behauptete Gerald, dass es möglich wäre, bis dem Völkerdenkmal bei Leipzig zu sehen. "Aber", sagte er, "es ist gut, dass es heute so diesig ist, dass wir es nicht sehen können, denn Sachsen stand auf Napoleons Seite, und die Sachsen mussten mit Napoleon die Niederlage erleben." An einem anderen Aussichtspunkt bei Oelsnitz mussten wir unsere Fahrräder auf einen Berg hinaufschieben. Gerald sagte, das hier sei kein Berg, sondern eine riesengroße Halde von den Kohlenbergwerken in dieser Gegend. Kohlenreste in der Halde ließen warmen Gas ausströmen, und im Winter ist der Gipfel des falschen Berges immer schneefrei.

Südlich von Chemnitz führte uns Gerald zu einem schönen Wasserschloss. Einmal wurden wir nach Jöhstadt an der Grenze zu Tschechien verfrachtet. Anschließend radelten wir an den beiden Flüssen Pressnitz und Zschopau stromabwärts nach Niederwiesa zurück. Auf der Fahrt nach Jöhstadt war Uschi die Fahrerin, und da sie das Auto zurückfahren musste, konnte sie an der Radtour nicht teilnehmen. Das Pressnitztal ist besonders interessant, weil es hier vor einigen Jahren eine Schmalspurbahn gab. In den 80er Jahren entschieden sich die Behörden der DDR für die Stilllegung dieser anmütigen Bahn, aber weil sie Angst vor Protesten hatten, wurde das Gleis schnell und effektiv abgebaut - mit Hubschrauber. Eine solche kostenaufwendige Operation  konnte sich die arme DDR  leisten. Nach der Wende  ist 1/3 der Pressnitztalbahn von Railfreaks wieder aufgebaut worden. Die Arbeit ist hervorragend und aus Liebe zu der Schmalspurbahn geleistet. Die Bahnhöfe sehen viel schöner aus als auf Postkarten aus den 80er Jahren. Auf der unteren 2/3 der Bahn ist auf dem Trasse ein idyllischer Radweg eingerichtet. An der Zschopau sahen wir Burgen und Schlösser, aber auch einiges, was sehr bedrückend wirkte; bei Chemnitz gab es früher sehr viel Textilindustrie, und jetzt standen da alle Gebäude leer und verwahrlost. Nach der Eröffnung der Grenze zum Westen, ging der innere Markt der DDR zu Grunde, und die Bevölkerung von Ostdeutschland konnte nicht auf demselben Lohnniveau wie asiatische Arbeitskräfte arbeiten.
 

Nach einer Woche bei Uschi und Gerald mit vielen Erkundigungsfahrten auf Fahrrad mussten wir unsere Freunde verlassen. Gerald, der Kenner von Radmöglichkeiten rund um Chemnitz, riet uns ab, dem Zschopautal nordwärts zu folgen, weil es an dem Fluss keinen zusammenhängenden Radweg gibt. Gerald begleitete uns die ersten 10 km bis zur Burg Sachsenburg. Dann fingen wir unsere letzte Etappe der Radtour an, zurück nach Berlin, und jetzt waren Turid und ich wieder allein. Wir erlebten einen sehr heißen Tag mit Temperaturen über 30 °. Die Zschopau mündet in die Mulde, und unten im Tal an der Mulde führt der Mulderadweg entlang. Das Muldetal ließ sich also viel besser beradeln als das Zschopautal. In der Hitze, und vorausgesetzt, es gibt keine Steigungen, ist das Radfahren sehr bequem. Der Fahrtwind kühlt ab.
 
 

Der nächste Tag war ebenso heiß mit 30°. Es war Sonnabend. Glücklicherweise hatten wir früh am Tag unsere Vorräte eingekauft, denn es stellte sich heraus, dass die Lebensmittelgeschäfte  sonnabends schon um Mittag zumachen. Sonntags sind keine Lebensmittelgeschäfte offen. Das ist die entgegengesetzte Praxis gegenüber den skandinavischen Ländern. Wer in Deutschland will den Frieden ohne Besorgungen am Wochenende schützen? Die Kirche, die Gewerkschaften oder die Besitzer der Gaststätte? Für uns Tourenradler wäre es mit offenen Lebensmittelgeschäften nach dänischen und schwedischen Vorbildern viel bequemer. Auf der anderen Seite bringt die deutsche Praxis mit begrenzter Wirtschaftstätigkeit auch uns Tourenradlern Vorteile; in Deutschland ist es nicht erlaubt, sonnabends und sonntags LKW zu fahren. 

Über die Dablener Heide folgten wir keiner Radroute, wir improvisierten selbst unsere Strecke auf kleinen Nebenstraßen. Gegen Abend erreichten wir eine Stadt mit einem langen Namen: Gneisenaustadt Schildau. Die Stadt heißt eigentlich Schildau, aber weil ein großer preußischer General aus dieser Stadt stammt, trägt die Stadt offiziell diesen langen Namen, obwohl Schildau in Sachsen liegt. Die Sachsen lieben nicht gerade die Preußen. Vor der Stadt begrüßte uns ein Schild mit "Stadt der Schildbürger". Die Schildbürgergeschichten sind auch in Skandinavien bekannt, aber die skandinavische Schildbürgerstadt liegt in Dänemark. Diese Geschichte kennen die Einwohner sowohl von Deutschland als auch Skandinavien: Die Schildbürger mussten einmal ihre Kirchenglocke in einem See versenken, weil sie Angst vor dem Einzug des Feindes in die Stadt hatten, aber um die Glocke wiederzufinden, markierten sie die Stelle mit einem Kreuz, das sie am Bootsrand einschnitzten.
 

Am nächsten Morgen, auf dem Campingplatz bei Schildau erlebten wir Blitze, Donner und kräftigen Regen. Die Temperaturen wurden erträglich. In Torgau erreichten wir die Elbe wieder. Die Stadt Torgau ist aus der Kriegsgeschichte bekannt, denn da trafen sich amerikanische und russische Soldaten. Von Torgau ist es natürlich, bei der weiteren Fahrt Richtung Norden, die Fahrräder auf den Elberadweg zu lenken. Der Elberadweg ist eine sehr beliebte Radroute, so wie wir es schon südlich von Dresden feststellen konnten. Auf dem nächsten Campingplatz trafen wir eine dänische Familie, die mit dem Zug nach Prag gereist waren. Von dort radelten sie Richtung Heimat, und sie blieben immer auf dem Elberadeweg.




Das Wasserschloss in Klaffenbach im 
gotischen Stil.

Pressnitztalbahn mit neuem Gleis.

Pressnitztalbahn mit Radweg auf der 
aufgelassenen Bahntrasse.

 
 
 

Siebentes Kapitel
hat Farben, aus denen hervorgeht, dass wir uns nicht mehr in Sachsen befinden. Wir radeln über die Elbe und kommen in Wittenberg an, das als die Luther-Stadt bekannt ist. Durch endlose Alleen radeln wir Richtung Potsdam, wo wir etwas finden, was sehr norwegisch wirkt. Von Potsdam haben wir nur 30 km zum Flughafen , und dabei ist die Radtour vorüber, aber viele schöne Erinnerungen bleiben erhalten.


Bei Wittenberg radelten wir über die Elbe. Auf einer riesenbreiten Brücke liegen Autobahn und Eisenbahn neben dem Radweg. Im Zentrum der Stadt besuchten wir die Schlosskirche, wo einst Martin Luther seine Thesen aufgeschlagen hatte. In der Stadt ist dennoch das interessanteste eine umgebaute Schule. Ein typischer Betonplattenbau aus der DDR-Zeit war dem Architekten Hundertwasser überlassen worden, der das Schulgebäude umgestalten sollte. Das hatte er mit ungewöhnlichen Elementen wie Säulen und dekorativen Fenstern gemacht. Diese Stilelemente waren mit scharfen Farben versehen. Ich habe früher geschrieben, wie radfreundlich die Deutschen sind. An der Hundertwasserschule erlebten wir das Gegenteil. Als ich das Rad an einen Zaun lehnen wollte, entdeckte ich ein Schild mit: "Anlehnen von Fahrrädern an den Zaun verboten." In dieser Villa wohnt wohl einer, der Angst hat, dass es seinem Zaun so ergehen wird wie der Mauer in Berlin. Natürlich habe ich das Rad an den Zaun gelehnt.

Hinter Wittenberg ging unsere Radtour möglichst geradeaus Richtung Potsdam. Wir folgten keiner Radroute und wir wählten die Straßen selbst. Natürlich hatten wir Angst vor schlechter Straßenqualität; wir könnten auf grobes, holpriges Kopfsteinpflaster oder auf einen miesen Sandweg geraten. Von Wittenberg hatten wir 60 km bis zum nächsten Campingplatz, aber weil wir in Wittenberg schon 30 km hinter uns hatten, wurde die Tagesetappe ganz weit. Wir waren auf das Norddeutsche Tiefland gekommen, und die Straßen sind flach. Ich rechnete damit, dass wir es schaffen würden, den nächsten Campingplatz zu erreichen, aber als wir an einer Gaststätte mit Übernachtungsmöglichkeit vorbeikamen, wollte Turid nicht weiter fahren. 

Das Frühstück am nächsten Morgen schmeckte sehr wohl, und gab uns eine gute Grundlage für die Fahrt nach Potsdam. Auf den flachen Straßen radelten wir Richtung Nordosten durch endlose Alleen. Mancherorts sind die die Bäume der alten Alleen, die für deutsche Landstraßen so charakteristisch sind, abgeholzt, weil für den Autoverkehr kräftige Bäume am Straßenrand eine Gefahr ausmachen. In der DDR gab es bei der Wende noch viele Alleenstraßen, aber bei der Wiedervereinigung war die Stimmung in ganz Deutschland umgeschlagen, und die Bäume blieben stehen. Radfahrer freuen sich besonders über die Alleen. Für uns sind die Bäume keine Verkehrsgefahr. Sie geben Schatten und schützen vor Regen und Wind.

Die Dörfer, die durchgeradelt wurden, sind so genannte Straßendörfer. Die Häuser säumen die Straße, und die Dörfer scheinen größer als in Wirklichkeit. Straßendörfer sind für Ostdeutschland sehr charakteristisch. Weiter westlich sind die Siedlungen älter, und die Dörfer entstanden, bevor Straßen angelegt wurden. Im Osten von Deutschland sind die Siedlungen  jünger, und die Dörfer wurden da lokalisiert, wo es dem Fürsten gefiel. Wenn wir die gerade Strecke nach Potsdam nehmen wollten, mussten wir auf einer schlechten Strecke fahren. 5 Kilometer lang radelten wir auf einem Sandweg durch den Wald. Turid sagte, es sei gut, dass wir am vorigen Abend nicht weiter gefahren seien, denn diese 5 Kilometer hätte sie einen Tag früher nie geschafft. 
 

Auf einem Radweg an der Bundesstraße 2 radelten wir in die Stadt Potsdam. Einen guten Campingplatz fanden wir gerade über die Grenze in West-Berlin. Von dem Campingplatz und ins Zentrum von Potsdam konnten wir auf einem idyllischen Radweg an der Havel radeln. Der  Radweg war ein ehemaliger Patrouillenweg der Grenzsoldaten der DDR, denn gerade gegenüber, am anderen Ufer des Flusses liegt West-Berlin.  Wir wollten zum Schloss Cecilienhof, wo 1945 das Potsdamer Abkommen unterzeichnet wurde. Bevor wir zum Schloss kamen, sah ich plötzlich ein merkwürdiges Portal mit Drachenköpfen. Über dem Portal war Kongsnæs eingeschrieben. Zum Glück gab es da eine Informationstafel, die Auskunft gab, warum hier etwas steht, das auf Norwegen deuten könnte. Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm der 2 besuchte mehrmals Norwegen. Deshalb wünschte er sich auf seiner Orlogsstation in Potsdam etwas richtig Nationalromantisches Norwegisches. Was wollte er mit einer Marinenbase hier mitten in Deutschland, weit vom Meer und feindlichen Kriegsschiffen entfernt? Die Orlogsstation war eine Base für Repräsentationsschiffe. Da ließ er mehrere Häuser im norwegischen Drachenstil errichten, aber die sind inzwischen abgerissen worden. Zur Zeit der DDR lag die Orlogsstation in der Grenzzone zu West-Berlin, und erst nach 1989 wurde das Gebiet der Bevölkerung allgemein zugänglich gemacht. Das Portal mit den Drachenköpfen ist nicht original, ein neues wurde nach der Wende aus Norwegen bestellt und am alten Ort aufgestellt. Die Orlogsstation verleiht Potsdam eine internationale Architekturprägung. In Potsdam gibt es das holländische Viertel mit typischen holländischen Giebelhäusern. Vor dem Zentrum liegt der Stadtteil Alexandrowska mit charakteristischen russischen Holzhäusern. In Potsdam hatten sich holländische Kaufleute und russiche Arbeiter niedergelassen. Das Interesse für Norwegen bei dem deutschen Kaiser führte unter anderem dazu, dass er eine Riesenstatue in Vangsnes am Sognefjord errichten ließ. 

Als wir am Morgen den 2. August in unserem Zelt aufwachten, wussten wir, dass das der letzte Tag der Radtour bedeutete. Wir sollten erst 30 km durch Berlin bis zum Flughafen Tegel radeln. Wir hatten es nicht stressig, denn das Flugzeug fuhr erst um 20 Uhr ab. Von dem Campingplatz nahe der Grenze zu Potsdam radelten wir durch das Waldgebiet Grunewald. Neben Eisenbahn und Autobahn beradelten wir eine Straße, die geradeaus durch den Wald führt. Die Straße ist für Motorverkehr gesperrt, und sie wird viel verwendet. Wäre sie nur ein schmaler Radweg gewesen, hätte die Kapazität für die vielen Radfahrer, Inline-Skaters und Joggers nicht ausgereicht. Normalerweise auf unseren Radtouren hatten wir die Radwege fast allein. Hier auf dem Kronprinzessinweg in der Großstadt Berlin gab es die ganze Zeit viel Leben und Bewegung von anderen unmotorisierten Leuten. 

Nach Grunewald kamen wir in ein städtisches Gebiet mit viel Autoverkehr, aber durch Berlin lässt sich gut Rad fahren. In den Hauptstraßen gibt es immer Radwege. Als wir zum Flughafen kamen, blieb da Turid sitzen, um auf Räder und Gepäck aufzupassen. Ich nahm den Bus und dieU-Bahn dahin, wo wir vor einem Monat gewohnt hatten. Da holte ich die Fahrradkartons. Ungefähr eine Stunde brauchte ich, um die losen Teile der Fahrräder abzuschrauben, sie einzupacken und die beladenen Kartons zu verschicken. Während wir auf den Abflug warteten, überlegten wir uns die schöne und interessante Radtour mit den vielen Eindrücken und Erlebnissen. Es ist nicht ohne Grund, dass Sie nicht über Plattfüße und gebrochene Speichen gelesen haben. Solche Probleme hatten wir nicht. Würden jetzt die Fahrradkartons auf den Flügen mitkommen, und würden wir sie im Bus vom Flughafen nach Bergen mitbekommen? Ja, alles ging sehr schön.
 





An den Radwegen sind immer Hinweisschilder aufgestellt. Hier befinden wir uns auf dem Elberadweg nördlich von Torgau

 

  Eine Schule in Wittenberg, die der Architekt Hundertwasser nach seinen Vorstellungen umgestaltet hat.


Durch endlose Alleen, unterwegs nach Potsdam.




  Ein kleines Stück Norwegen in Potsdam. Ein Portal zur Erinnerung an die Orlogsstation  Kongsnæs.

 


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