RADTOUR BERLIN-BÖHMEN (2001)
(Terje Melheim)
Den ersten Teil mit den Kapiteln 1-4 finden Sie hier
Wenn Sie den Bericht auf Norwegisch lesen möchten,
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Fünftes
Kapitel,
in dem von einem Regentag
berichtet wird, der nicht so schlimm wird, wie wir es uns vorgestellt
haben. Wir kommen ins Erzgebirge, wo uns harte Steigungen zu schaffen
machen. Unterhalb eines eindrucksvollen Eisenbahnviaduktes treffen wir
uns mit Gerald. Wir befinden uns jetzt im richtigen Sachsen, und das
Sachsenwappen sehen Sie rechts. Die Farben des Radberichtes passen sich
der Heraldik an. |
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| Auf unserer Fahrt das
Kirnitzschtal hinunter war das Wetter nicht so schön gewesen.
Könnten wir für die folgenden Tage mit besserem Wetter
rechnen? In einer Gaststätte sahen wir uns den Wetterbericht an,
und die Fernsehleute rieten den Leuten dazu, Deutschland zu räumen
und sich in den Süden abzusetzen. Die beiden folgenden Tage
sollten so schlimm werden, dass wir sie einfach vergessen sollten.
Warum sollten wir das? Jeder Tag brachte neue Erlebnisse, aber unsere
Gemüter befanden sich auf einem Tiefpunkt, als wir den Elberadweg
erreichten, und es goss wie aus Eimern, aber nüchtern gesehen war
das Wetter leichter als richtiges Regenwetter, das wir aus Westnorwegen
kennen. Trotz des Wetters bot der Elberadweg ein
schönes Erlebnis. Auf dem Weg verkehren keine Autos. Die
Oberfläche ist ausgezeichnet, entweder mit Asphalt, Betonsteinen
oder mit stabilem Schotter versehen. Nach dem Donauradweg ist der
Elberadweg der bekannteste Radweg in Deutschland. An dem Weg ist die
Markierung immer einwandfrei mit eindeutigen Schildern, und wir wussten
immer, wo der Weg entlangging. Andere Schilder gaben Hinweise zu
Gaststätten, Pensionen und Hotels an. Es gefiel mir, dass wir
Radfahrer so eine wichtige Kundengruppe geworden sind, dass wir
wirtschaftlich interessant wirken. Die Elbe hat sich tief in das
umliegende Sandsteingebiet gegraben, und an dem Fluss gibt es steile
Felsen. Die Sächsische Schweiz wird dieses Gebiet touristisch
genannt. Vom Elberadweg konnten wir Sehenswürdigkeiten oben auf
den Felsen sehen, so wie die Festung Königstein und die Bastei. Es
war eine Sauerei, dass das Wetter so schlecht war, und dieses Wetter
sollte also zwei Tage andauern.
In der Stadt Pirna hörte
der Regen auf, und wir konnten erleichtert aufatmen. Wir wollten nicht
in die Großstadt Dresden radeln, wo wir schon früher einmal
gewesen sind. Vor der Stadt bogen wir westwärts vom Elberadweg ab.
Wir beabsichtigten, dem Lockwitztal zu folgen, aber in jenem Tal war
der Verkehr groß. Deshalb nahmen wir eine Nebenstraße, die
einige harte Steigungen aufwies, aber der Verkehr war da
erträglicher. Nach rechts hatten wir einen schönen Ausblick
über Dresden. Wir radelten weiter, bis wir an dem Stausee Malter
einen Campingplatz erreichten.
Am nächsten Morgen wachten
wir zu strahlendem Sonnenwetter auf. Ich verstand, dass man sich durch
die Krisenstimmung nicht beeinflussen sollte, die das RTL vermittelt.
Am Malter Stausee verkehrt eine schöne Eisenbahnlinie, noch eine
Schmalspurbahn mit täglichem Dampfbetrieb. Um das Jahr 1900
entschied sich Sachsen, in dem schwierigen erzgebirgischen Gelände
schmalspurige Nebenbahnen anzulegen. Solche Bahnen konnten
preisgünstiger gebaut werden. Die Weißeritztalbahn, wie die Bahn am Malter Stausee heißt, gibt es
heute noch auf einer Spurweite von 75 cm und mit Dampfloks. (Die Bahn
fiel den Überschwemmungen 2002 zum Opfer) Die Bahn ist auch eine
Vorortbahn von Dresden. Im engen Tal der Weißeritz gibt es neben
dem Gleis kaum noch Platz für einen Wanderweg. Ich radelte auf dem
Wanderweg bis Rabenauer Grund, um in der spannenden Landschaft den Zug
auf den Film zu bannen. Turid wollte lieber den Zug von innen erleben.
In Rabenauer Grund trafen wir uns und tranken unseren täglichen
Radler, bevor wir zum Campingplatz zurückfuhren.
Jetzt waren wir ins Erzgebirge
gekommen. Das ist ein Gebirge mit vielen Bergwerken, vielen Burgen,
schmalspurigen Dampfbahnen und Spielfiguren aus Holz. Die steilen
Steigungen waren das größte Problem, das uns unterwegs
begegnete. Alle Flüsse rinnen den Gebirgshang hinunter, nach dem
Norden, und unterwegs Richtung Westen mussten wir viele Flusstäler
überqueren. In die Täler hinunter ging die Fahrt sehr flott,
aber das Erklimmen auf der anderen Talseite war eine Qual. Da sahen wir
die Sachsenmagistrale mit Eifersucht an. Die Sachsenmagistrale ist die
Bahnlinie zwischen Chemnitz und Dresden. Diese Bahn überqueren die
Täler in einem Sprung auf eleganten Bogenviadukten.
Schließlich standen wir
auf der letzten Anhöhe, und wir konnten einfach auf unseren
Rädern ins Lössnitztal hinabrollen, und von dem Tal brauchten
wir nicht wieder emporzuklettern. Auf der Straße an der
Lössnitz kamen wir an einer Fabrik vorbei, die typische
erzgebirgische Spiel- und Ziergegenstände aus Holz herstellt. Vor
der Fabrik stand ein Räuchermännchen in großem Format.
Was ein Räuchermännchen ist, wissen bestimmt alle deutschen
Leser.
Weiter im Lössnitztal ging
unsere Radfahrt. Solche Flusstäler sind günstige Radtrassen.
Die Straße folgt dem Fluss und hat keine steilen Steigungen. Die
Straße weist viele Kurven auf, so dass der Verkehr gering ist.
Dazu noch ein Faktor, der im Sommer wichtig ist; an dem Fluss gibt es
dichten Wald, was zum viel Schatten führt. Vom Lössnitztal
kamen wir ins Flöhatal. In der Nähe des Ortes Hetzdorf
führte früher die Sachsenmagistrale über einen
eindrucksvollen Viadukt. Vor der Wende wurde mit dem Bau einer
funktionellen und uninteressanten Betonbrücke begonnen. Diese
Betonbrücke hat heutzutage den Bahnverkehr übernommen.
Unterhalb des alten Hetzdorfer Viaduktes mit seinen eleganten
Bögen kam uns Gerald Hummel auf seinem Rad entgegen. Es war ein
herzliches Wiedersehen, und zu diesem Anlass hatte sich Gerald richtig
ausgerüstet. Er hatte Sekt mit, mit dem viel geprostet wurde.
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Im Regen auf dem Elberadweg.
Im Hintergrund "die Bastei" |
Weißeritzbahn im Rabenauer Grund |
Die letzte Anhöhe bevor wir ins Lössnitztal
hinabrollen. |
"Räuchermännchen" in Riesengröße. |
Im
sechsten Kapitel
führt uns Gerald auf
Radtouren rund um Chemnitz.. Es stellt sich heraus, dass ein Berg kein
echter Berg ist. In 30 ° Wärme radeln Turid und ich Richtung
Berlin. Wir kommen zu der Stadt Schildau, wo die Schildbürger
wohnen. Es wird gesagt, dass sie in Säcken das Licht ins Rathaus
tragen mussten, weil sie vergessen hatten, Fenster einzubauen. Wir
erreichen die Elbe, wo der Elberadweg wiedergefunden wird. |
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| Von dem Hetzdorferviadukt
führte uns Gerald auf Nebenstraßen und Radwege, die
ich allein nie hätte finden können. Dann standen wir vor dem
neuen und modernen Haus in Niederwiesa, wo Gerald und Uschi gerade
eingezogen waren. Gerald hatte bei der Wende ein so hohes Alter
erreicht, dass er arbeitslos wurde. Als ABM bekam er eine interessante
Aufgabe; er sollte verschiedene Radtouren rund um Chemnitz vorschlagen
und ausforschen. Eine solche Maßnahme muss im Zusammenhang mit
dem Fördern des Tourismus gesehen werden. An den folgenden Tagen
machten wir in der Umgebung von Chemnitz verschiedene Radtouren. Gerald
war der Anführer und er führte uns auf Wege ohne Verkehr,
durch Wälder und über Wiesen. Mit Gerald an der Spitze
waren wir immer sicher, dass wir durchkommen würden. Ohne
Gepäck auf dem Fahrrad ließ es sich auf solchen Wegen auch
ungewohnt leicht radeln. Das Radziel war entweder ein Aussichtspunkt
oder ein Schloss. Von einem Aussichtspunkt behauptete Gerald, dass es
möglich wäre, bis dem Völkerdenkmal bei Leipzig zu
sehen. "Aber", sagte er, "es ist gut, dass es heute so diesig ist, dass
wir es nicht sehen können, denn Sachsen stand auf Napoleons Seite,
und die Sachsen mussten mit Napoleon die Niederlage erleben." An einem
anderen Aussichtspunkt bei Oelsnitz mussten wir unsere Fahrräder
auf einen Berg hinaufschieben. Gerald sagte, das hier sei kein Berg,
sondern eine riesengroße Halde von den Kohlenbergwerken in dieser
Gegend. Kohlenreste in der Halde ließen warmen Gas
ausströmen, und im Winter ist der Gipfel des falschen Berges immer
schneefrei.
Südlich von Chemnitz
führte uns Gerald zu einem schönen Wasserschloss. Einmal
wurden wir nach Jöhstadt an der Grenze zu Tschechien verfrachtet.
Anschließend radelten wir an den beiden Flüssen Pressnitz
und Zschopau stromabwärts nach Niederwiesa zurück. Auf der
Fahrt nach Jöhstadt war Uschi die Fahrerin, und da sie das Auto
zurückfahren musste, konnte sie an der Radtour nicht teilnehmen.
Das Pressnitztal ist besonders interessant, weil es hier vor einigen
Jahren eine Schmalspurbahn gab. In den 80er Jahren entschieden sich die
Behörden der DDR für die Stilllegung dieser anmütigen
Bahn, aber weil sie Angst vor Protesten hatten, wurde das Gleis schnell
und effektiv abgebaut - mit Hubschrauber. Eine solche kostenaufwendige
Operation konnte sich die arme DDR leisten. Nach der
Wende ist 1/3 der Pressnitztalbahn von Railfreaks wieder
aufgebaut worden. Die Arbeit ist hervorragend und aus Liebe zu der
Schmalspurbahn geleistet. Die Bahnhöfe sehen viel schöner aus
als auf Postkarten aus den 80er Jahren. Auf der unteren 2/3 der Bahn
ist auf dem Trasse ein idyllischer Radweg eingerichtet. An der Zschopau
sahen wir Burgen und Schlösser, aber auch einiges, was sehr
bedrückend wirkte; bei Chemnitz gab es früher sehr viel
Textilindustrie, und jetzt standen da alle Gebäude leer und
verwahrlost. Nach der Eröffnung der Grenze zum Westen, ging der
innere Markt der DDR zu Grunde, und die Bevölkerung von
Ostdeutschland konnte nicht auf demselben Lohnniveau wie asiatische
Arbeitskräfte arbeiten.
Nach einer Woche bei Uschi und
Gerald mit vielen Erkundigungsfahrten auf Fahrrad mussten wir unsere
Freunde verlassen. Gerald, der Kenner von Radmöglichkeiten rund um
Chemnitz, riet uns ab, dem Zschopautal nordwärts zu folgen, weil
es an dem Fluss keinen zusammenhängenden Radweg gibt. Gerald
begleitete uns die ersten 10 km bis zur Burg Sachsenburg. Dann fingen
wir unsere letzte Etappe der Radtour an, zurück nach Berlin, und
jetzt waren Turid und ich wieder allein. Wir erlebten einen sehr
heißen Tag mit Temperaturen über 30 °. Die Zschopau
mündet in die Mulde, und unten im Tal an der Mulde führt der
Mulderadweg entlang. Das Muldetal ließ sich also viel besser
beradeln als das Zschopautal. In der Hitze, und vorausgesetzt, es gibt
keine Steigungen, ist das Radfahren sehr bequem. Der Fahrtwind
kühlt ab.
Der nächste Tag war ebenso
heiß mit 30°. Es war Sonnabend. Glücklicherweise hatten
wir früh am Tag unsere Vorräte eingekauft, denn es stellte
sich heraus, dass die Lebensmittelgeschäfte sonnabends schon
um Mittag zumachen. Sonntags sind keine Lebensmittelgeschäfte
offen. Das ist die entgegengesetzte Praxis gegenüber den
skandinavischen Ländern. Wer in Deutschland will den Frieden ohne
Besorgungen am Wochenende schützen? Die Kirche, die Gewerkschaften
oder die Besitzer der Gaststätte? Für uns Tourenradler
wäre es mit offenen Lebensmittelgeschäften nach
dänischen und schwedischen Vorbildern viel bequemer. Auf der
anderen Seite bringt die deutsche Praxis mit begrenzter
Wirtschaftstätigkeit auch uns Tourenradlern Vorteile; in
Deutschland ist es nicht erlaubt, sonnabends und sonntags LKW zu
fahren.
Über die Dablener Heide
folgten wir keiner Radroute, wir improvisierten selbst unsere Strecke
auf kleinen Nebenstraßen. Gegen Abend erreichten wir eine Stadt
mit einem langen Namen: Gneisenaustadt Schildau. Die Stadt heißt
eigentlich Schildau, aber weil ein großer preußischer
General aus dieser Stadt stammt, trägt die Stadt offiziell diesen
langen Namen, obwohl Schildau in Sachsen liegt. Die Sachsen lieben
nicht gerade die Preußen. Vor der Stadt begrüßte uns
ein Schild mit "Stadt der Schildbürger". Die
Schildbürgergeschichten sind auch in Skandinavien bekannt, aber
die skandinavische Schildbürgerstadt liegt in Dänemark. Diese
Geschichte kennen die Einwohner sowohl von Deutschland als auch
Skandinavien: Die Schildbürger mussten einmal ihre Kirchenglocke
in einem See versenken, weil sie Angst vor dem Einzug des Feindes in
die Stadt hatten, aber um die Glocke wiederzufinden, markierten sie die
Stelle mit einem Kreuz, das sie am Bootsrand einschnitzten.
Am nächsten Morgen, auf
dem Campingplatz bei Schildau erlebten wir Blitze, Donner und
kräftigen Regen. Die Temperaturen wurden erträglich. In
Torgau erreichten wir die Elbe wieder. Die Stadt Torgau ist aus der
Kriegsgeschichte bekannt, denn da trafen sich amerikanische und
russische Soldaten. Von Torgau ist es natürlich, bei der weiteren
Fahrt Richtung Norden, die Fahrräder auf den Elberadweg zu lenken. Der Elberadweg ist eine sehr beliebte
Radroute, so wie wir es schon südlich von Dresden feststellen
konnten. Auf dem nächsten Campingplatz trafen wir eine
dänische Familie, die mit dem Zug nach Prag gereist waren. Von
dort radelten sie Richtung Heimat, und sie blieben immer auf dem
Elberadeweg.
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Das
Wasserschloss in Klaffenbach im
gotischen Stil. |
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Siebentes Kapitel
hat Farben, aus denen hervorgeht, dass wir uns nicht
mehr in Sachsen befinden. Wir radeln über die Elbe und kommen in
Wittenberg an, das als die Luther-Stadt bekannt ist. Durch endlose
Alleen radeln wir Richtung Potsdam, wo wir etwas finden, was sehr
norwegisch wirkt. Von Potsdam haben wir nur 30 km zum Flughafen , und
dabei ist die Radtour vorüber, aber viele schöne Erinnerungen
bleiben erhalten. |
| Bei Wittenberg radelten wir
über die Elbe. Auf einer riesenbreiten Brücke liegen Autobahn
und Eisenbahn neben dem Radweg. Im Zentrum der Stadt besuchten wir die
Schlosskirche, wo einst Martin Luther seine Thesen aufgeschlagen hatte.
In der Stadt ist dennoch das interessanteste eine umgebaute Schule. Ein
typischer Betonplattenbau aus der DDR-Zeit war dem Architekten
Hundertwasser überlassen worden, der das Schulgebäude
umgestalten sollte. Das hatte er mit ungewöhnlichen Elementen wie
Säulen und dekorativen Fenstern gemacht. Diese Stilelemente waren
mit scharfen Farben versehen. Ich habe früher geschrieben, wie
radfreundlich die Deutschen sind. An der Hundertwasserschule erlebten
wir das Gegenteil. Als ich das Rad an einen Zaun lehnen wollte,
entdeckte ich ein Schild mit: "Anlehnen von Fahrrädern an den Zaun
verboten." In dieser Villa wohnt wohl einer, der Angst hat, dass es
seinem Zaun so ergehen wird wie der Mauer in Berlin. Natürlich
habe ich das Rad an den Zaun gelehnt.
Hinter Wittenberg ging unsere
Radtour möglichst geradeaus Richtung Potsdam. Wir folgten keiner
Radroute und wir wählten die Straßen selbst. Natürlich
hatten wir Angst vor schlechter Straßenqualität; wir
könnten auf grobes, holpriges Kopfsteinpflaster oder auf einen
miesen Sandweg geraten. Von Wittenberg hatten wir 60 km bis zum
nächsten Campingplatz, aber weil wir in Wittenberg schon 30 km
hinter uns hatten, wurde die Tagesetappe ganz weit. Wir waren auf das
Norddeutsche Tiefland gekommen, und die Straßen sind flach. Ich
rechnete damit, dass wir es schaffen würden, den nächsten
Campingplatz zu erreichen, aber als wir an einer Gaststätte mit
Übernachtungsmöglichkeit vorbeikamen, wollte Turid nicht
weiter fahren.
Das Frühstück am
nächsten Morgen schmeckte sehr wohl, und gab uns eine gute
Grundlage für die Fahrt nach Potsdam. Auf den flachen
Straßen radelten wir Richtung Nordosten durch endlose Alleen.
Mancherorts sind die die Bäume der alten Alleen, die für
deutsche Landstraßen so charakteristisch sind, abgeholzt, weil
für den Autoverkehr kräftige Bäume am Straßenrand
eine Gefahr ausmachen. In der DDR gab es bei der Wende noch viele
Alleenstraßen, aber bei der Wiedervereinigung war die Stimmung in
ganz Deutschland umgeschlagen, und die Bäume blieben stehen.
Radfahrer freuen sich besonders über die Alleen. Für uns sind
die Bäume keine Verkehrsgefahr. Sie geben Schatten und
schützen vor Regen und Wind.
Die Dörfer, die
durchgeradelt wurden, sind so genannte Straßendörfer. Die
Häuser säumen die Straße, und die Dörfer scheinen
größer als in Wirklichkeit. Straßendörfer sind
für Ostdeutschland sehr charakteristisch. Weiter westlich sind die
Siedlungen älter, und die Dörfer entstanden, bevor
Straßen angelegt wurden. Im Osten von Deutschland sind die
Siedlungen jünger, und die Dörfer wurden da
lokalisiert, wo es dem Fürsten gefiel. Wenn wir die gerade Strecke
nach Potsdam nehmen wollten, mussten wir auf einer schlechten Strecke
fahren. 5 Kilometer lang radelten wir auf einem Sandweg durch den Wald.
Turid sagte, es sei gut, dass wir am vorigen Abend nicht weiter
gefahren seien, denn diese 5 Kilometer hätte sie einen Tag
früher nie geschafft.
Auf einem Radweg an der
Bundesstraße 2 radelten wir in die Stadt Potsdam. Einen guten
Campingplatz fanden wir gerade über die Grenze in West-Berlin. Von
dem Campingplatz und ins Zentrum von Potsdam konnten wir auf einem
idyllischen Radweg an der Havel radeln. Der Radweg war ein
ehemaliger Patrouillenweg der Grenzsoldaten der DDR, denn gerade
gegenüber, am anderen Ufer des Flusses liegt West-Berlin.
Wir wollten zum Schloss Cecilienhof, wo 1945 das Potsdamer Abkommen
unterzeichnet wurde. Bevor wir zum Schloss kamen, sah ich
plötzlich ein merkwürdiges Portal mit Drachenköpfen.
Über dem Portal war Kongsnæs
eingeschrieben. Zum Glück
gab es da eine Informationstafel, die Auskunft gab, warum hier etwas
steht, das auf Norwegen deuten könnte. Der letzte deutsche Kaiser
Wilhelm der 2 besuchte mehrmals Norwegen. Deshalb wünschte er sich
auf seiner Orlogsstation in Potsdam etwas richtig Nationalromantisches
Norwegisches. Was wollte er mit einer Marinenbase hier mitten in
Deutschland, weit vom Meer und feindlichen Kriegsschiffen entfernt? Die
Orlogsstation war eine Base für Repräsentationsschiffe. Da
ließ er mehrere Häuser im norwegischen Drachenstil
errichten, aber die sind inzwischen abgerissen worden. Zur Zeit der DDR
lag die Orlogsstation in der Grenzzone zu West-Berlin, und erst nach
1989 wurde das Gebiet der Bevölkerung allgemein zugänglich
gemacht. Das Portal mit den Drachenköpfen ist nicht original, ein
neues wurde nach der Wende aus Norwegen bestellt und am alten Ort
aufgestellt. Die Orlogsstation verleiht Potsdam eine internationale
Architekturprägung. In Potsdam gibt es das holländische
Viertel mit typischen holländischen Giebelhäusern. Vor dem
Zentrum liegt der Stadtteil Alexandrowska mit charakteristischen
russischen Holzhäusern. In Potsdam hatten sich holländische
Kaufleute und russiche Arbeiter niedergelassen. Das Interesse für
Norwegen bei dem deutschen Kaiser führte unter anderem dazu, dass
er eine Riesenstatue in Vangsnes am Sognefjord errichten
ließ.
Als wir am Morgen den 2. August
in unserem Zelt aufwachten, wussten wir, dass das der letzte Tag der
Radtour bedeutete. Wir sollten erst 30 km durch Berlin bis zum
Flughafen Tegel radeln. Wir hatten es nicht stressig, denn das Flugzeug
fuhr erst um 20 Uhr ab. Von dem Campingplatz nahe der Grenze zu Potsdam
radelten wir durch das Waldgebiet Grunewald. Neben Eisenbahn und
Autobahn beradelten wir eine Straße, die geradeaus durch den Wald
führt. Die Straße ist für Motorverkehr gesperrt, und
sie wird viel verwendet. Wäre sie nur ein schmaler Radweg gewesen,
hätte die Kapazität für die vielen Radfahrer,
Inline-Skaters und Joggers nicht ausgereicht. Normalerweise auf unseren
Radtouren hatten wir die Radwege fast allein. Hier auf dem
Kronprinzessinweg in der Großstadt Berlin gab es die ganze Zeit
viel Leben und Bewegung von anderen unmotorisierten Leuten.
Nach Grunewald kamen wir in ein
städtisches Gebiet mit viel Autoverkehr, aber durch Berlin
lässt sich gut Rad fahren. In den Hauptstraßen gibt es immer
Radwege. Als wir zum Flughafen kamen, blieb da Turid sitzen, um auf
Räder und Gepäck aufzupassen. Ich nahm den Bus und dieU-Bahn
dahin, wo wir vor einem Monat gewohnt hatten. Da holte ich die
Fahrradkartons. Ungefähr eine Stunde brauchte ich, um die losen
Teile der Fahrräder abzuschrauben, sie einzupacken und die
beladenen Kartons zu verschicken. Während wir auf den Abflug
warteten, überlegten wir uns die schöne und interessante
Radtour mit den vielen Eindrücken und Erlebnissen. Es ist nicht
ohne Grund, dass Sie nicht über Plattfüße und
gebrochene Speichen gelesen haben. Solche Probleme hatten wir nicht.
Würden jetzt die Fahrradkartons auf den Flügen mitkommen, und
würden wir sie im Bus vom Flughafen nach Bergen mitbekommen? Ja,
alles ging sehr schön.
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An den Radwegen sind immer Hinweisschilder
aufgestellt. Hier befinden wir uns auf dem Elberadweg nördlich von
Torgau |
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Eine Schule in Wittenberg, die der Architekt
Hundertwasser nach seinen Vorstellungen umgestaltet hat. |
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Durch endlose Alleen, unterwegs nach Potsdam. |
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Ein kleines Stück Norwegen in Potsdam.
Ein Portal zur Erinnerung an die Orlogsstation Kongsnæs. |
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