Falls ihr den ersten Lesetag
verpasst
habt, könnt ihr auf die Seite zurückgehen:
Liebe lesende Radfahrer/innen, nachdem
Turid und
ich von unserer Schweiz-Schwarzwaldradtour nach Freiburg
zurückgekommen
waren, radelten wir schon am nächsten Morgen westwärts,
Richtung
Rhein und Frankreich. In unserem Gepäck hatten wir auch eine
Toilettenrolle,
die uns Kjartan überlassen hatte, denn in Frankreich sind oft die
Campingplätze ohne Toilettenpapier. Das hatten wir von dem
französischen
Campingplatz bei Basel gelernt. Immer noch in Deutschland radelten wir
an den Hängen des mit grünen Reben gedeckten Kaiserstuhls
vorbei.
Bei Sesbach überquerten wir den Rhein. Die Hauptstraße nach
Sélestat war an der Randlage mit grünen Streifen für
Radfahrer
versehen und mit keiner physischen Abgrenzung zum schnellen
Autoverkehr.
Auf der Rheinebene ging die Straße ohne Abwechslung immer
geradeaus.
Die Sonne brütete und auf der breiten Straße hatten wir
keine
Schatten. Wir waren beide froh, als wir die Stadt Sélestat mit
ihrem
Campingplatz erreichten. Am nächsten Morgen radelten wir zum
Touristenbüro,
weil wir uns Auskünfte über die Radwege holen wollten. Wir
bekamen
im Touristenbüro eine Landkarte, die mehr Informationen enthielt
als
unsere Carte Michelin im
Maßstab
1:200 000. Auf der Karte war eine Straße nordwärts von
Sélestat
als Radroute bezeichnet. Das war in Wirklichkeit nichts anderes als die
berühmte "Route du Vin". Wieder erlebten wir eine herrliche Fahrt
durch die Weinberge und durch die schönen Dörfer. Im Ort
Dambach-la-Ville
beobachten wir einen besonderen Gedächtnisstein für die in
den
beiden Weltkriegen Gefallenen. Normalerweise würde in Frankreich
stehen:
"Morts pour la France". Hier stand: "Nos victimes des guèrres".
Dahinter steht die Tatsache, dass in den beiden Weltkriegen
Männer
aus dem Elsass auf der deutschen Seite Kriegsdienst machen mussten.
In diesem Weingegend und in der Hitze hatten wir natürlich Lust auf kalten Wein. In eine "cave de vin", die mit "dégustation de vin" lockte, trat ich hinein und fragte nach einem Glas Wein. Ich machte es auch klar, dass ich eine ganze Flasche nicht kaufen konnte, weil ich auf Radtour war. Der Weinbauer schenkte ein und schwätzte mit mir, während ich in der kühlen Weinstube den Wein genoss. Als ich für das Glas bezahlen wollte, lehnte es der Weinbauer ab, es sei nur dégustation. Turid wollte nicht mitkommen und Wein trinken, denn sie hatte schon verstanden, dass man in den "caves de vin" nur ganze Flaschen Wein kauft. Nachher setzten wir uns in ein Restaurant und tranken zwei Gläser Weißwein, für die wir anständig bezahlten. Bald waren wir im Ort Barr, den wir als Etappenziel für diesen Tag erwählt hatten. Es waren nur 24 Kilometer, aber das war genug an diesem heißen Tag mit 30 Grad Hitze. Vom Campingprospekt sahen wir, dass es in Barr zwei Campingplätze gab, einen im Ort und einen 3,5 km davor. Turid wollte an diesem Tag Kleider waschen, und aus dem Campingprospekt ging hervor, dass nur der entferntere Camping Waschmaschinen hatte, also entschieden wir uns für den, und 3,5 km ist nicht weit. Es stellte sich aber heraus, dass die 3,5 Kilometer in ein Tal in die Berge gingen. Wir mussten in der Hitze unerwartet hart klettern. Der Campingplatz war sehr schön mit einer netten Bedienung. Die Waschmaschine konnten wir benutzen. Noch ein unschätzbarer Vorteil war, dass das Wasser da oben in dem Vogesental so frisch und himmlisch schmeckte. Ich trank an dem heißen Tag literweise Wasser. Am Abend wollten wir essen gehen. Glücklicherweise hatten wir in den Steigungen unterwegs zum Campingplatz ein paar Hotels gesehen. Dort wollten wir essen. Aber in keinem der beiden Hotels gab es warmes Abendessen. Wir mussten dann in den Ort Barr hinunterfahren, dabei waren wir in unseren Gedanken damit beschäftigt, dass wir anschließend die harten Steigungen noch einmal erklimmen mussten. Es stellte sich nach der guten Mahlzeit heraus, dass wir in der kühlen Abendluft mit gepäcklosen Fahrrädern die Steigungen gut bewältigen konnten, und sie waren gar nicht so schlimm wie früher in der Sommerhitze. Am nächsten Tag folgten wir
der Straße,
die als Radroute gekennzeichnet war, und am Fuße der Vogesen
entlangführte.
In Heiligenstein führte uns die Radroute auf die Rheinebene
hinunter.
Der ausgeschilderte "Radweg" ging auf Sekundärstraßen durch
die Dörfer. Abgesehen von den Richtungsschildern für
Radfahrer
war die einzige Fahrradmaßnahme Schilder an der Straße mit
dem Text "Partageons la route" (Teilen wir die Straße), und
darunter
waren ein Fahrrad und ein Auto gezeichnet. Weiter nördlich
überquerten
wir den "Canal de la Bruche", und siehe, da neben dem alten Kanal ging
ein für Radfahrer angelegter Weg mit einer einwandfreien
Asphaltdecke.
Auf einer Bank neben dem Radweg hatten wir eine Mahlzeit. "Bon
appétit
", riefen uns die vorbeifahrenden Radfahrer zu.
Bei Wolfsheim war der Radweg zu Ende, und wir Radfahrer wurden auf Nebenstraßen weitergeleitet, bis wir nach einigen hundert Metern rechts auf einen neuen exklusiven Radweg abbiegen konnten. Der Radweg war eine ehemalige Eisenbahntrasse, und der Radverkehr war erfreulicherweise groß, denn die Lokalbevölkerung benutzte den Radweg für ihre Radausflüge. Nach Saverne führte uns der Radweg, aber leider mussten wir ein paar Mal von der ehemaligen Eisenbahnlinie abweichen, und dann folgten wir den Hinweisschildern über Nebenstraßen. Saverne ist ein Tor in die
Vogesenberge.
Da geht der "Canal de la Marne au Rhin" durch. Am Kanalufer fuhren wir
bequem auf einem guten Radweg. Unsere Eindrücke wurden durch die
Boote
auf dem Kanal belebt. Da fuhren die Schiffe vorbei, oder sie wurden
durch
die Schleusen gehoben oder gesenkt. Die meisten Schiffe waren
Freizeitboote.
Frachtschiffe sahen wir kaum. An diesem Kanal gibt es einen
berühmten
Schiffsaufzug. Anstatt Schleusen fahren die Boote in einen mit Wasser
gefüllten
Trog. Trog samt Boot wird wie eine Standseilbahn den Berg hinauf- oder
hinuntergefahren. Leider bogen wir in dem Ort Lutzelbourg auf das
andere
Ufer des Kanals. So kamen wir an der Stelle des Schiffshebewerks nicht
vorbei. Wir mussten, genau wie ihr, lesende Radfahrer/innen
nachträglich
in Wikipedia über das Schiffshebewerk
lesen. Als wir wieder an den Kanal kamen, war es auf einem höheren
Niveau. Da wartete vor einem Schiffstunnel ein Boot auf grünes
Signal
für die Tunneldurchfahrt. Im Boot befanden sich zwei dänische
Familien, die in Saverne das Boot gemietet hatten. Den Schiffsaufzug
hätten
sie schon hinter sich, sagten die Dänen, und das sei eine sehr
eindrucksvolle
Einrichtung. Wegen der Steigungen wollten Turid und ich nicht zum
Schiffshebewerk
zurückfahren.
Vor dem Tunneleingang
verließen wir
den Kanal und begaben uns tiefer in die Vogesen hinein. Um dort von
einem
Tal und in das nächste zu gelangen, mussten wir hart in die Pedale
treten. Desto schneller ging es in das nächste Tal hinunter, wo
der
Ort Abreschviller lag. In diesem Waldgebiet wurde früher der Wald
mittels kleiner Eisenbahnen abgeholzt. Bis in die 60er Jahre wurden die
Holzstämme auf dem umfassenden Netz der Waldbahnen ins
Sägewerk
in Abreschviller befördert. Heute gibt es vom großen
Schienennetz
nur noch eine einzige Linie, die dem Touristenverkehr dient. Die
ursprünglichen
Lokomotiven sind noch da, und es gibt sogar eine Art Dampflok, die
heute
eine Seltenheit ist. Es geht um eine Lokomotive nach der Bauart Mallet.
Der Dampf wird durch zwei Zylinderpaare geleitet. Vier Zylinder leisten
mehr als nur zwei. Diese
Touristikbahn
ist auch im Internet vorgestellt.
Von Abreschviller mussten wir den
ersten
großen Vogesenpass erklimmen. Der Scheitelpunkt der Straße
bei dem Col du Donon liegt auf 800 meter. Die Straße stieg
erst durch das Tal ruhig an. Überall gab es Wald. Neben der
Straße
ging ein Forstweg, der seinerzeit die Trasse der Waldbahn gewesen sein
musste. Weiter oben fingen mehr Steigungen an, und die Straße
ging
in Serpentinen. Plötzlich
entdeckte
ich neben der Straße ein Schildchen mit der Aufschrift, dass
hier,
an dieser Feuchtstelle neben der Straße, sich die Quelle der Saar
befand. Bei diesen Wassertropfen hat also der Fluss, der bei Trier in
die
Mosel mündet, seinen Anfang. Das Schildchen kam mir bekannt vor.
In
einem Internetbericht von meinem Freund Martin Wittram hatte ich davon
gelesen. Martin Wittram war hier drei Jahre vor uns vorbeigeradelt. Er
schreibt in seinem Bericht Das
alte Europa :
Vom Col du Donon genossen wir
herrliche
Abfahrten, aber dabei war unsere Kletterstrecke durch die Vogesen noch
nicht zu Ende. Durch die Vogesen geht eine Verwerfungslinie, wo sich
ein
tiefes Tal gebildet hat. Hier liegt der Ort Schirmeck. Gerade hinter
diesem
Ort mussten wir wieder klettern. Nach einigen Kilometern Klettern
übernachteten wir an einem gemütlichen Campingplatz bei
Natzwiler.
Während des Frühstücks am nächsten Morgen sahen
wir,
wie sich der Himmel stark verdunkelte. Schnell wurden unsere Sachen
samt
Zelt und Schlafsäcken eingepackt. Kaum waren wir mit der Arbeit
fertig,
als der Regen wie in Eimern herunterkam. Auf dem Campingplatz konnten
wir
uns glücklicherweise unterstellen. Als der Regen zum
Aufhören
neigte, fuhren wir auf der Kletterstraße weiter. Dann setzte sich
der Regen mit erneuter Kraft durch. Wir wurden sehr nass. Ein Dach, wo
wir uns unterstellen konnten, fanden wir an dem ehemaligen
Konzentrationslager
Strutthof. Strutthof liegt in der Nähe des Ortes Natzviler,
und die meisten kennen das KZ unter dem Namen Natzweiler. Am Lager war
ein umfangreiches Dokumentationszentrum aufgebaut. Viele der Gefangenen
des Konzentrationslagers hatten in ihren Heimatländern
Widerstandsaktionen
gegen die deutsche Besatzung geleistet, und in Deutschland wurde
für
jene Gefangenen die Kategorie Nacht- und Nebel (NN) eingeführt.
Sie
sollten in Lagern inhaftiert werden, ohne dass Angehörige oder
Verwandte
Kenntnis von ihrer Existenz hatten. Im KZ sollten die Gefangenen
durch harte Arbeit vernichtet werden. Mit schlechter Ernährung und
Arbeit in einem Steinbruch sollten sie das Lagerleben nicht
überleben.
Sehr eindrucksvoll fanden wir eine Zeichnung von Rudolf Næss,
einem
norwegischen Zeichner, der im KZ eingesperrt gewesen war. Mehrere
seiner
Bilder sahen wir im Lager ausgestellt. Ich fotografierte das
ergreifende
Bild mit dem Titel "Gegen Norden" und hoffe, dass ich keine
Urheberrechte
verletze. Mehr Bilder von Rudolf Næss sind
im
Internet zu sehen.
Das eindrucksvolle Bild von Rudolf Næss zeigt, wie die Zugvögel am Himmel gegen Norden und in die Heimat fliegen. Der KZ-Häftling sieht ihnen mit großen durch Angst, Hunger und Leiden gezeichneten Augen nach. Der Gefangene weiß, dass er im Lager zurückbleiben muss und noch mehr Leid und Brutalität ausharren muss. Im Bild steckt auch eine Hoffnung, denn die Vögel bilden am Himmel mehrere V-Zeichen, das Symbol für Victory. Nach zwei Stunden beeindruckenden
Studiums
radelten wir weiter. Der Regen hatte aufgehört. An der steigenden
Straße war jeder Kilometer markiert, und an der Markierung stand
auch die Höhe über dem NN (Normalnull). Bei jedem
Kilometerstein
verglichen wir die Höhe mit der auf der Landkarte angegebenen
Höhe
des Kulminationspunkts. Bei Champ du Feu waren wir oben. Wir waren
über
1000 Meter über dem Meer. Die Baumgrenze hatten wir erreicht, und
der Wald musste langsam weichen. Von nun an ging es endgültig
bergab.
Nach vielen Kilometern den Vogesenhang hinunter gelangten wir wieder
auf
die Rheinebene.
Auf dem Flachland am Rhein
führten
uns die Wirtschaftswege, die als Radrouten markiert waren, durch die
Rebgärten.
Im Hintergrund ragten die Vogesen hinauf.
Wir radelten durch schöne
blumengeschmückte
Dörfer wie Kintzheim, Bergheim und Ribeauvillé. Wir fanden
Bergheim schöner als Ribeauvillé, denn in
Ribeauvillé
wimmelte es von Touristen, und in der Hauptstraße dieser Stadt
gab
es sogar Autoverkehr. Von Ribeauvillé führte uns der Radweg
in die Berge. Um nach Riquewihr zu kommen, mussten wir hart klettern.
Auch
da in den Steigungen ging der Radweg immer sehr schön durch
die Weinberge. Den steilen Umweg nach Turckheim machten wir nicht, weil
wir von den Steigungen müde waren. Wir fuhren direkt in die
Großstadt
Colmar. Ich wusste nicht, dass das Zentrum von Colmar so schön
ist.
Mitten in der Stadt gibt es schöne, alte Fachwerkhäuser.
Über die flache Rheinebene hatten wir eine einfache Radtour über Neuf-Brisach, den Rhein und Breisach, bis wir wieder in Freiburg in Kjartans Studentenbude unseren Einzug hielten. In der Fußgängerzone erlebten wir diesmal, dass ein junger Radfahrer von der Verkehrspolizei angehalten wurde. "Ich habe kein Geld bei mir!" sagte der Radfahrer, der die Strafe für Radfahren in der Fußgängerzone nicht bezahlen wollte/konnte. Plötzlich sprang er auf das Fahrrad. "Halt!", riefen die Verkehrspolizisten, aber der Radfahrer konnte einfach abhauen. Dann war es Zeit, Turids Fahrrad
wieder
einzupacken und es flugreif zu machen. Am nächsten Tag hieß
es Abschied nehmen, nicht nur von Kjartan. Auch für Turid und mich
war der Abschied gekommen. Turid setzte sich mit all ihrem Gepäck
in den Bus, der sie zum Flughafen bei Basel brachte. Für mich
startete
die lange Radfahrt nach Norden und nach Hause. Ich würde noch drei
Wochen in Deutschland und Dänemark unterwegs sein.
Freundliche Grüße Terje PS. Turid,
meine Mitradlerin,
die die Fahrradmotive auf die Fotos gebracht hat, lässt auch
grüßen
Hier werdet
ihr zum 3.
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