Fahrradtour von Basel nach Bömlo (2007)

 

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Radrunde Schwarzwald-Schweiz
 

Radrunde durch das Elsass.
 

Liebe lesende Radfahrer/innen,

nachdem Turid und ich von unserer Schweiz-Schwarzwaldradtour nach Freiburg zurückgekommen waren, radelten wir schon am nächsten Morgen westwärts, Richtung Rhein und Frankreich. In unserem Gepäck hatten wir auch eine Toilettenrolle, die uns Kjartan überlassen hatte, denn in Frankreich sind oft die Campingplätze ohne Toilettenpapier. Das hatten wir von dem französischen Campingplatz bei Basel gelernt. Immer noch in Deutschland radelten wir an den Hängen des mit grünen Reben gedeckten Kaiserstuhls vorbei. Bei Sesbach überquerten wir den Rhein. Die Hauptstraße nach Sélestat war an der Randlage mit grünen Streifen für Radfahrer versehen und mit keiner physischen Abgrenzung zum schnellen Autoverkehr. Auf der Rheinebene ging die Straße ohne Abwechslung immer geradeaus. Die Sonne brütete und auf der breiten Straße hatten wir keine Schatten. Wir waren beide froh, als wir die Stadt Sélestat mit ihrem Campingplatz erreichten. Am nächsten Morgen radelten wir zum Touristenbüro, weil wir uns Auskünfte über die Radwege holen wollten. Wir bekamen im Touristenbüro eine Landkarte, die mehr Informationen enthielt als unsere Carte Michelin   im     Maßstab  1:200 000. Auf der Karte war eine Straße nordwärts von Sélestat als Radroute bezeichnet. Das war in Wirklichkeit nichts anderes als die berühmte "Route du Vin". Wieder erlebten wir eine herrliche Fahrt durch die Weinberge und durch die schönen Dörfer. Im Ort Dambach-la-Ville beobachten wir einen besonderen Gedächtnisstein für die in den beiden Weltkriegen Gefallenen. Normalerweise würde in Frankreich stehen: "Morts pour la France". Hier stand: "Nos victimes des guèrres". Dahinter steht die Tatsache, dass in den beiden Weltkriegen  Männer aus dem Elsass auf der deutschen Seite Kriegsdienst machen mussten.
 

Elsässische Weinberge an der Route du vin
Mittelbergheim, ein pitoresques Blumendorf an der Route du vin.

In diesem Weingegend und in der Hitze hatten wir natürlich Lust auf kalten Wein. In eine "cave de vin", die mit "dégustation de vin" lockte, trat ich hinein und fragte nach einem Glas Wein. Ich machte es auch klar, dass ich eine ganze Flasche nicht kaufen konnte, weil ich auf Radtour war. Der Weinbauer schenkte ein und schwätzte mit mir, während ich in der kühlen Weinstube den Wein genoss. Als ich für das Glas bezahlen wollte, lehnte es der Weinbauer ab, es sei nur dégustation. Turid wollte nicht mitkommen und Wein trinken, denn sie hatte schon verstanden, dass man in den "caves de vin" nur ganze Flaschen Wein kauft. Nachher setzten wir uns in ein Restaurant und tranken zwei Gläser Weißwein, für die wir anständig bezahlten.

Bald waren wir im Ort Barr, den wir als Etappenziel für diesen Tag erwählt hatten. Es waren nur 24 Kilometer, aber das war genug an diesem heißen Tag mit 30 Grad Hitze. Vom Campingprospekt sahen wir, dass es in Barr zwei Campingplätze gab, einen im Ort und einen 3,5 km davor. Turid wollte an diesem Tag Kleider waschen, und aus dem Campingprospekt ging hervor, dass nur der entferntere Camping Waschmaschinen hatte, also entschieden wir uns für den, und 3,5 km ist nicht weit. Es stellte sich aber heraus, dass die 3,5 Kilometer in ein Tal in die Berge gingen. Wir mussten in der Hitze unerwartet hart klettern. Der Campingplatz war sehr schön mit einer netten Bedienung. Die Waschmaschine konnten wir benutzen. Noch ein unschätzbarer Vorteil war, dass das Wasser da oben in dem Vogesental so frisch und himmlisch schmeckte. Ich trank an dem heißen Tag literweise Wasser.

Am Abend wollten wir essen gehen. Glücklicherweise hatten wir in den Steigungen unterwegs zum Campingplatz ein paar Hotels gesehen. Dort wollten wir essen. Aber in keinem der  beiden Hotels gab es warmes Abendessen. Wir mussten dann in den Ort Barr hinunterfahren, dabei waren  wir in unseren Gedanken damit beschäftigt, dass wir anschließend die harten Steigungen noch einmal erklimmen mussten. Es stellte sich nach der guten Mahlzeit heraus, dass wir  in der kühlen Abendluft mit gepäcklosen Fahrrädern die Steigungen gut bewältigen konnten, und sie waren gar nicht so schlimm wie früher in der Sommerhitze.

Am nächsten Tag folgten wir der Straße, die als Radroute gekennzeichnet war, und am Fuße der Vogesen entlangführte. In Heiligenstein führte uns die Radroute auf die Rheinebene hinunter. Der ausgeschilderte "Radweg" ging auf Sekundärstraßen durch die Dörfer. Abgesehen von den Richtungsschildern für Radfahrer war die einzige Fahrradmaßnahme Schilder an der Straße mit dem Text "Partageons la route" (Teilen wir die Straße), und darunter waren ein Fahrrad und ein Auto gezeichnet. Weiter nördlich überquerten wir den "Canal de la Bruche", und siehe, da neben dem alten Kanal ging ein für Radfahrer angelegter Weg mit einer einwandfreien Asphaltdecke. Auf einer Bank neben dem Radweg hatten wir eine Mahlzeit. "Bon appétit ", riefen uns die vorbeifahrenden Radfahrer zu.
 
 

An dem Radweg neben dem canal de la Bruche.

Bei Wolfsheim war der Radweg zu Ende, und wir Radfahrer wurden auf Nebenstraßen weitergeleitet, bis wir nach einigen hundert Metern rechts auf einen neuen exklusiven Radweg abbiegen konnten. Der Radweg war eine ehemalige Eisenbahntrasse, und der Radverkehr war erfreulicherweise groß, denn die Lokalbevölkerung benutzte den Radweg für ihre Radausflüge. Nach Saverne führte uns der Radweg, aber leider mussten wir ein paar Mal von der ehemaligen Eisenbahnlinie abweichen, und dann folgten wir den Hinweisschildern über Nebenstraßen.

Saverne ist ein Tor in die Vogesenberge. Da geht der "Canal de la Marne au Rhin" durch. Am Kanalufer fuhren wir bequem auf einem guten Radweg. Unsere Eindrücke wurden durch die Boote auf dem Kanal belebt. Da fuhren die Schiffe vorbei, oder sie wurden durch die Schleusen gehoben oder gesenkt. Die meisten Schiffe waren Freizeitboote. Frachtschiffe sahen wir kaum. An diesem Kanal gibt es einen berühmten Schiffsaufzug. Anstatt Schleusen fahren die Boote in einen mit Wasser gefüllten Trog. Trog samt Boot wird wie eine Standseilbahn den Berg hinauf- oder hinuntergefahren. Leider bogen wir in dem Ort Lutzelbourg auf das andere Ufer des Kanals. So kamen wir an der Stelle des Schiffshebewerks nicht vorbei. Wir mussten, genau wie ihr, lesende Radfahrer/innen nachträglich in Wikipedia über das  Schiffshebewerk  lesen. Als wir wieder an den Kanal kamen, war es auf einem höheren Niveau. Da wartete vor einem Schiffstunnel ein Boot auf grünes Signal für die Tunneldurchfahrt. Im Boot befanden sich zwei dänische Familien, die in Saverne das Boot gemietet hatten. Den Schiffsaufzug hätten sie schon hinter sich, sagten die Dänen, und das sei eine sehr eindrucksvolle Einrichtung. Wegen der Steigungen wollten Turid und ich nicht zum Schiffshebewerk zurückfahren.
 

Canal de la Marne au Rhin Canal de la Marne au Rhin

Vor dem Tunneleingang verließen wir den Kanal und begaben uns tiefer in die Vogesen hinein. Um dort von einem Tal und in das nächste zu gelangen, mussten wir hart in die Pedale treten. Desto schneller ging es in das nächste Tal hinunter, wo der Ort Abreschviller lag. In diesem Waldgebiet wurde früher der Wald mittels kleiner Eisenbahnen abgeholzt. Bis in die 60er Jahre wurden die Holzstämme auf dem umfassenden Netz der Waldbahnen ins Sägewerk in Abreschviller befördert. Heute gibt es vom großen Schienennetz nur noch eine einzige Linie, die dem Touristenverkehr dient. Die ursprünglichen Lokomotiven sind noch da, und es gibt sogar eine Art Dampflok, die heute eine Seltenheit ist. Es geht um eine Lokomotive nach der Bauart Mallet. Der Dampf wird durch zwei Zylinderpaare geleitet. Vier Zylinder leisten mehr als nur zwei. Diese Touristikbahn  ist auch im Internet vorgestellt.
 

Von Abreschviller mussten wir den ersten großen Vogesenpass erklimmen. Der Scheitelpunkt der Straße bei dem Col du Donon liegt auf  800 meter. Die Straße stieg erst durch das Tal ruhig an. Überall gab es Wald. Neben der Straße ging ein Forstweg, der seinerzeit die Trasse der Waldbahn gewesen sein musste. Weiter oben fingen mehr Steigungen an, und die Straße ging in Serpentinen. Plötzlich entdeckte ich neben der Straße ein Schildchen mit der Aufschrift, dass hier, an dieser Feuchtstelle neben der Straße, sich die Quelle der Saar befand. Bei diesen Wassertropfen hat also der Fluss, der bei Trier in die Mosel mündet, seinen Anfang. Das Schildchen kam mir bekannt vor. In einem Internetbericht von meinem Freund Martin Wittram hatte ich davon gelesen. Martin Wittram war hier drei Jahre vor uns vorbeigeradelt. Er schreibt in seinem Bericht Das alte Europa :
Start im Morgengrauen (6 Uhr), es ist noch recht kalt. Der Morgendunst liegt über den Wiesen, aber der Himmel ist wolkenlos. Es beginnt heute meine Vogesenetappe, da muss man erst mal klettern. Hinter dem Ort Abreschviller beginnt der Aufstieg zum Col du Donon, 1009 m. Es geht lange durch den Wald, das ist dann nicht so interessant. Kurz vor der Passhöhe aber dann die große Überraschung: eine moosbewachsene Mulde neben der Straße und ein Hinweisschild: Source de la Sarre. Das ist ja toll – da bin ich die Saar ja bis zur Quelle hochgefahren.
 
 
 

Waldbedeckte Vogesenhänge

Vom Col du Donon genossen wir herrliche Abfahrten, aber dabei war unsere Kletterstrecke durch die Vogesen noch nicht zu Ende. Durch die Vogesen geht eine Verwerfungslinie, wo sich ein tiefes Tal gebildet hat. Hier liegt der Ort Schirmeck. Gerade hinter diesem Ort mussten wir wieder klettern. Nach einigen Kilometern Klettern  übernachteten wir an einem gemütlichen Campingplatz bei Natzwiler. Während des Frühstücks am nächsten Morgen sahen wir, wie sich der Himmel stark verdunkelte. Schnell wurden unsere Sachen samt Zelt und Schlafsäcken eingepackt. Kaum waren wir mit der Arbeit fertig, als der Regen wie in Eimern herunterkam. Auf dem Campingplatz konnten wir uns glücklicherweise unterstellen. Als der Regen  zum Aufhören neigte, fuhren wir auf der Kletterstraße weiter. Dann setzte sich der Regen mit erneuter Kraft durch. Wir wurden sehr nass. Ein Dach, wo wir uns unterstellen konnten, fanden wir an dem ehemaligen Konzentrationslager Strutthof. Strutthof  liegt in der Nähe des Ortes Natzviler, und die meisten kennen das KZ unter dem Namen Natzweiler. Am Lager war ein umfangreiches Dokumentationszentrum aufgebaut. Viele der Gefangenen des Konzentrationslagers hatten in ihren Heimatländern Widerstandsaktionen gegen die deutsche Besatzung geleistet, und in Deutschland wurde für jene Gefangenen die Kategorie Nacht- und Nebel (NN) eingeführt. Sie sollten in Lagern inhaftiert werden, ohne dass Angehörige oder Verwandte Kenntnis von ihrer Existenz hatten.  Im KZ sollten die Gefangenen durch harte Arbeit vernichtet werden. Mit schlechter Ernährung und Arbeit in einem Steinbruch sollten sie das Lagerleben nicht überleben. Sehr eindrucksvoll fanden wir eine Zeichnung von Rudolf Næss, einem norwegischen Zeichner, der im KZ eingesperrt gewesen war. Mehrere seiner Bilder sahen wir im Lager ausgestellt. Ich fotografierte das ergreifende Bild mit dem Titel "Gegen Norden" und hoffe, dass ich keine Urheberrechte verletze. Mehr Bilder von Rudolf Næss sind im Internet zu sehen.
 

Gegen Norden, Zeichnung von Rudolf Næss

Das eindrucksvolle Bild von Rudolf Næss zeigt, wie die Zugvögel am Himmel gegen Norden und in die Heimat fliegen. Der KZ-Häftling sieht ihnen mit großen durch Angst, Hunger und Leiden gezeichneten Augen nach. Der Gefangene weiß, dass er im Lager zurückbleiben muss und noch mehr Leid und Brutalität ausharren muss. Im Bild steckt auch eine Hoffnung, denn die Vögel bilden am Himmel mehrere V-Zeichen, das Symbol für Victory. 

Nach zwei Stunden beeindruckenden Studiums radelten wir weiter. Der Regen hatte aufgehört. An der steigenden Straße war jeder Kilometer markiert, und an der Markierung stand auch die Höhe über dem NN (Normalnull). Bei jedem Kilometerstein verglichen wir die Höhe mit der auf der Landkarte angegebenen Höhe des Kulminationspunkts. Bei Champ du Feu waren wir oben. Wir waren über 1000 Meter über dem Meer. Die Baumgrenze hatten wir erreicht, und der Wald musste langsam weichen. Von nun an ging es endgültig bergab. Nach vielen Kilometern den Vogesenhang hinunter gelangten wir wieder auf die Rheinebene. 
 

Auf dem Flachland am Rhein führten uns die Wirtschaftswege, die als Radrouten markiert waren, durch die Rebgärten. Im Hintergrund ragten die Vogesen hinauf.
 
 

Radroute durch die Rebgärten Rebgärten am Vogesenrand

Wir radelten durch schöne blumengeschmückte Dörfer wie Kintzheim, Bergheim und Ribeauvillé. Wir fanden Bergheim schöner als Ribeauvillé, denn in Ribeauvillé wimmelte es von Touristen, und in der Hauptstraße dieser Stadt gab es sogar Autoverkehr. Von Ribeauvillé führte uns der Radweg in die Berge. Um nach Riquewihr zu kommen, mussten wir hart klettern. Auch da in den  Steigungen ging der Radweg immer sehr schön durch die Weinberge. Den steilen Umweg nach Turckheim machten wir nicht, weil wir von den Steigungen müde waren. Wir fuhren direkt in die Großstadt Colmar. Ich wusste nicht, dass das Zentrum von Colmar so schön ist. Mitten in der Stadt gibt es schöne, alte Fachwerkhäuser.
 
 

Bergheim Bergheim
Durch die Weinberge

 
Ich wusste nicht, dass es in Colmar so schön ist.

Über die flache Rheinebene hatten wir eine einfache Radtour über Neuf-Brisach, den Rhein und Breisach, bis wir wieder in Freiburg in Kjartans Studentenbude unseren Einzug hielten. In der Fußgängerzone erlebten wir diesmal, dass ein junger Radfahrer von der Verkehrspolizei angehalten wurde. "Ich habe kein Geld bei mir!" sagte der Radfahrer, der die Strafe für Radfahren in der Fußgängerzone nicht bezahlen wollte/konnte. Plötzlich sprang er auf das Fahrrad. "Halt!", riefen die Verkehrspolizisten, aber der Radfahrer konnte einfach abhauen.

Dann war es Zeit, Turids Fahrrad wieder einzupacken und es flugreif zu machen. Am nächsten Tag hieß es Abschied nehmen, nicht nur von Kjartan. Auch für Turid und mich war der Abschied gekommen. Turid setzte sich mit all ihrem Gepäck in den Bus, der sie zum Flughafen bei Basel brachte. Für mich startete die lange Radfahrt nach Norden und nach Hause. Ich würde noch drei Wochen in Deutschland und Dänemark unterwegs sein.
 
 

Freundliche Grüße Terje

PS. Turid, meine Mitradlerin, die die Fahrradmotive auf die Fotos gebracht hat, lässt auch grüßen
 
 

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Radtour gegen Norden, von Freiburg nach Norwegen
 
 
 
 
 
 

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